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Konzertbesprechung: Variationen in Bild, Farbe und Klang



Jena. “Variationen in Bild, Farbe und Klang”. So war das Konzert in der A-Reihe am 22. April überschrieben. Es begann mit Henri Dutilleux’ Stück “Métaboles”, das am 14. Januar 1965 durch das Cleveland-Orchestra unter George Szell zur Uraufführung kam. Es ist ein fünfsätziges Werk ohne Pausen zwischen den Sätzen und bezieht seinen Reiz aus dem ständigen Wechsel von Rhythmus, Stil und Klangfarbe. Während in “Incantatoire”, einem Rondo, Holzbläser bevorzugt werden, so in “Linéaire” die Streicher; “Obsessionnel” ist eine seriell gearbeitete Passacaglia, in der die Blechbläser dominieren, im vierten Satz “Torpide” herrscht das Schlagwerk vor, ehe in “Flamboyant” alle Orchesterstimmen in einem großartigen Finale sich vereinen. Es war eine Freude, Streicher, Holz- und Blechbläser sowie Schlagzeug unter dem emphatischen Dirigat von Nicholas Milton zu erleben.

Nicholas Milton hat wohl auch die Idee eingebracht, Witold Lutosławskis “Paganini”-Variationen mit Sergej Rachmaninows “Rhapsodie über ein Thema von Paganini a-Moll, op. 43″ zu kombinieren. Solist war Bernd Glemser, international renommierter Pianist, und allen Jenaer Konzert-Freunden noch durch seine virtuose, empfindungsreiche Darbietung des G-Dur-Klavierkonzertes von Ludwig van Beethoven am 3. Juni 2005  in bester Erinnerung.

Witold Lutosławskis “Paganini-Variationen” sind energisch-kraftvoll, rhythmisch-prägnant und im Wechselspiel von Solo-Instrument und Orchesterstimmen so witzig arrangiert, dass einigen Orchestermusikern die helle Freude beim Spielen dieses burlesken Stückes anzusehen war. Bernd Glemser spielte temperamentvoll, erhellte Struktur und Farbklänge des Stückes und ließ sich voller Freude auf ein hinreißendes Musizieren mit dem Orchester ein. Anschließend erwies sich Glemser als rhythmisch-prägnanter, kraftvoller und zugleich ungemein lyrischer Klavier-Virtuose in Rachmaninows “Rhapsodie über ein Thema von Paganini”. Auf eine neuntaktige Introduktion folgt die erste der vierundzwanzig Variationen über das Paganini-Thema, das selbst erst danach in Originalgestalt erklingt. Ab der siebten Variation  tritt neben das Paganini-Thema ein “Dies irae”-Motiv. Formal sind die Variationen in die Form eines dreisätzigen Konzertes eingebettet, die ersten zehn sind weitgehend schnell, 11 bis 18 vorwiegend langsam und 18 bis 24 wieder schnell.

Bernd Glemser, kongenial begleitet vom Jenaer Philharmonischen Orchester, ließ die Architektur der Rhapsodie transparent aufscheinen und vermittelte vor allem ein sehr differenziertes Klangbild, rhythmisch, dynamisch und energisch, aber auch sehr lyrisch und elegisch; selten hört man ein so ausgewogenes Klangbild zwischen Soloinstrument und Orchester; Bernd Glemser gelang es, alle Klanfarben wunderbar abzuschattieren und zum Leuchten zu bringen. Der stürmische Beifall wollte nicht enden, sodass er als Zugabe noch eine Barcerole von Sergej Rachmaninow spielte.
Nach der Pause erklangen Modest Mussorgskis “Bilder einer Ausstellung”, in der Bearbeitung von Maurice Ravel, die Serge Koussewitzky 1922 in Auftrag gegeben hatte. Nicholas Milton leitete die Jenaer Philharmoniker mit großer Hingabe und erzielte Klangwirkungen von hoher Eindringlichkeit. Alle Orchestermitglieder leisteten Vorzügliches, hervorgehoben sei dennoch Solo-Trompeter Steffen Naumann, der vor allem in “Promenade” und “Das große Tor von Kiew” leuchtenden Glanz und strahlende Festlichkeit in seinen Trompeten-Ton zu legen wusste und im sechsten Bild “Samuel Goldenberg und Schmuyle” mit kleiner, gedämpfter Trompete den Redefluss Schmuyles zum Ausdruck brachte, ganz in der ostjüdischen Kulturtradition, innerhalb derer Rhythmus, Lautmalerei und Gesten oftmals vor Wortinhalt und -sinn hervortreten. Horn-Soli, Solo des Englisch-Horn und ausgezeichnete Leistungen vor allem bei Klarinetten, Fagotten, Posaunen und Schlagwerk konnten nur deshalb so klangschön wirken, weil durch einen differenzierten, warmen, fast samtenen Klang der Violinen, Violen, Celli und Kontrabässe eine Art Klangteppich erzeugt wurde. Eine reife Orchesterleistung und ein wohldurchdachtes und mitreißendes Dirigat unseres Chefdirigenten Nicholas Milton.
Der Solist Bernd Glemser wird am Sonntag, dem 26. April um 11.00 Uhr ein Klavier-Recital mit Werken von Johann Sebastian Bach, Dmitri Schostakowitsch und Sergej Rachmaninow in der Jenaer Rathaus-Diele spielen. Ein Muss für alle Konzert-Freunde.

Dietmar Ebert

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