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Fahrradwegenetz – Ist Thüringen Schlußlicht?



Jena. Gestern wurde nach einem Medienbericht beschrieben, dass es im “Autoland” Thüringen statistisch gesehen die wenigsten Radwege an Landesstraßen gebe. Nach Informationen des MDR Thüringen beträgt dieser Anteil lediglich vier Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern sind es 20 Prozent, in Sachsen 14 Prozent. Das Thüringer Verkehrsministerium will 1,5 Millionen Euro in den Ausbau das Radwegenetzes investieren, ausreichend für zehn Kilometer Radwege.

Als Antwort auf eine Anfrage von Jenapolis, wie der Vorsitzende des ADFC in Jena, Thomas Wedekind, diese Statistik sieht, gab er folgende Auskunft:

Formal dürfte die Statistik stimmen, solche Ländervergleiche sind aber kaum aussagekräftig: Einige Bundesländer rechnen auch Wege parallel zu Landes-straßen als Radwege, die hauptsächlich für langsamen Kfz-Verkehr (Kleinkrafträder, Landmaschinen, auf 25 oder 45 km/h gedrosselte Pkw) bestimmt sind; andere (z.B. Thüringen) nur solche für Radfahrer. Durch diese unterschiedliche Definition von “Radweg” wird die Statistik schon verzerrt.

Ist die geringe Thüringer Prozentzahl nun gut oder schlecht? Die Meinungen gehen auf Seiten der Radfahrer selbst stark auseinander, mit deutlicher Tendenz zu “schlecht”. Die an außerörtlichen Straßen gelegenen Wege haben oft beträchtliche Nachteile:
- bisweilen schlechtere Oberfläche als die Straßenfahrbahn
(Extrembeispiel: Weg im Gleistal bei Löberschütz, Straße frisch
asphaltiert, Radweg ist Schotterpiste)
- so gut wie nie Winterdienst, Reinigung oder Räumung von Herbstlaub
(Straßen reinigen sich durch den Autoverkehr im Laufe  der Zeit
selbst, auch wenn nichts weiter unternommen wird)
- schlechte Instandhaltung bis zur völligen Vernachlässigung der Wege
(gesehen im Kreis Weimarer Land)
- stärkere Steigungen als die Straße; eigentlich widersinnig  (z.B.
am Weg neben der neuen Straße zwischen Rutha und Bahnhof Neue
Schenke)
- Sicherheitsprobleme an Kreuzungen und Einmündungen (Beispiel:
Jenaer Mühltal – Einmündung Münchenrodaer Grund)
- bei der Planung der Ortsdurchfahrten scheint den Planern z.T. jeder Sachverstand zu fehlen (es gibt Beispiele aus Nordthüringen).
Die Straßenbauämter tun sich also in der Regel sehr schwer damit, für eine Handvoll Radfahrer wenigstens den Aufwand zur Vermeidung grober Fehler an solchen Wegen zu treiben.

Im Einzelfall haben die Wege an außerörtlichen Straßen auch Vorteile: man kann nebeneinander fahren; starker Autoverkehr ist für Radfahrer unangenehm, und bei Dunkelheit ist die Sicherheit wahrscheinlich höher. (Wobei etliche Kollisionen Auto <-> Rad auf nächtlicher Landstraße auf fehlende Fahrradbeleuchtung zurückgehen, wenn man Polizeiberichten glauben kann.)

Das Thüringer Landes-Radverkehrskonzept orientiert seit einigen Jahren im Übrigen sehr stark auf den Ausbau von Wegen, die zwar etwa parallel zur überörtlichen Straße, aber nicht direkt an dieser Straße liegen. Damit wird meist ein viel höherer Nutzen erreicht, weil die Radfahrer nicht mehr dem Straßenlärm ausgesetzt sind und eventuell (nicht immer!) kürzere Wege oder geringere Steigungen erzielbar sind.

Gute Beispiele im Großraum Jena sind dafür der Orlatal-Radweg von Pößneck bis Freienorla oder die Verbindung von Großheringen nach Auerstedt. Diese Wege müssten eigentlich auch in die Statistik eingerechnet werden, womit das Bild für Thüringen viel freundlicher aussähe. Die direkt an den Landes- und Bundesstraßen gelegenen Wege (auch die Wege an den Bundesstraßen werden vom Land gebaut) sind eher als Notbehelfe für Spezialfälle zu sehen, in denen sich der Aufwand lohnt; als Beispiel kann der Weg an der B7 zwischen Jena und Isserstedt gelten (das Teilstück vom “Carl August” nach Isserstedt wird momentan geplant).

Relativ sinnfrei ist, mit einem finanziellen Kraftakt an jede Landesstraße einen Radweg anzupappen, für dessen Instandhaltung dann die Mittel fehlen.

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