Genossenschaftlicher Strom in Jena? – Schwaben verhandeln mit den Stadtwerken
Freiburg i.Br./Jena. Eine Genossenschaft aus Freiburg will den auf 25-30 Millionen Euro geschätzten Anteil des Energieversorgers E.ON an den Jenaer
Stadtwerken kaufen. Die Genossenschaft “Energie in Bürgerhand” (EiB) verhandelt bereits mit dem Jenaer Energieversorger, der bis zum Jahresende von seiner Call-Option Gebrauch machen müsste. Dies hatte der Stadtrat bereits im Sommer mehrheitlich beschlossen. Dieser Anteil E.ONs beträgt zehn Prozent und würde dann von der Genossenschaft gekauft werden. Die Jenaer Bürger sollen dabei langfristig an “ihren” Stadtwerken beteiligt werden, so die Idee der Schwaben. Ob der Konzern bereit ist, auf seinen Anteil zu verzichten, ist aber fraglich. E.ON ist in Thüringen an verschiedenen Stadtwerken beteiligt. Außerdem steht die EiB nach eigenen Angaben kurz vor der Aufnahme als Gesellschafter in die KommunalPartner GmbH – einem badischen Stadtwerkeverbund, mit dem weitere Stadtwerke gegründet und Stromnetze gekauft werden sollen. Die Freiburger Genossenschaft ist vom Arzt Michael Sladek, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Gründer der Elektrizitätswerke Schönau, durch die Mitwirkung stark beeinflusst. Sladek erhielt mit seiner Frau 2007 dafür auch den Gründerpreis.
Die Idee ist, den großen Konzernen die Beteiligungen an Stadtwerken wegzukaufen. Dabei werden auf einem Treuhandkonto Gelder gesammelt. Einem Versuch, in diesem Jahr die Anteile der Thüga AG zu erwerben, scheiterte. “Unsere Genossenschaft ´Energie in Bürgerhand´ wollte Atomausstieg, effizienten Klimaschutz, Bürgerbeteiligung, Dezentralisierung und Demokratisierung der Energiewirtschaft bei den Stadtwerken in der ´neuen Thüga AG´ verankern.”, heißt es auf dem Internetauftitt der Genossenschaft. Das gesammelte Geld würde für den Kauf der E.ON-Anteile verwendet werden. Die Stadtwerke haben bereits durch die Verhandlungen die Bereitschaft zur Bereitstellung der Anteile signalisiert. Selber sind die Jenaer nicht in der Lage, diese Anteile zu erwerben.
siehe auch Beitrag in der taz: Genossenschaft plant Stadtwerkekauf
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7 Reaktionen zu “Genossenschaftlicher Strom in Jena? – Schwaben verhandeln mit den Stadtwerken”-
Stadtwerkekunde
Am 6. November 2010 um 17:35 Uhr
Das ist doch mal eine gute Nachricht! Dafür kann man die Stadtwerke nur loben, und die Verwaltung sollte sich ein Beispiel nehmen.
Eine solche Genossenschaft wäre endlich etwas konkretes, um für Bürgerbeteiligung an den Angelegenheiten unserer Stadt wirklich was zu tun, und nicht nur rumzumeckern dass es angeblich keine Möglichkeiten dafür gibt.
Inzwischen haben so viele Leute eine Solaranlage auf dem Dach ihres Hauses, wie das vor 10 Jahren wahrscheinlich niemand gedacht hat. Das ist schon mal etwas, um die Energieversorgung in die eigenen Hände zu nehmen, aber die Stromnetze und großen Kraftwerke gibt es trotzdem noch. Auch hier gehören Bürger in die Entscheidungsgremien, sonst werden die umweltfreundlichen Energien entweder totgemacht, oder die großen Konzerne reißen das Geschäft an sich. Im einen oder anderen Fall werden wir Bürger abgezockt und daran gehindert, selbst Geld damit zu verdienen.
Der Stadt hatte sich ja bereits eine Beteiligung von Bürgern auf die Fahne geschrieben, wenn die E.ON Anteile zurückgekauft werden. Dazu gab es auch im August einen Stadtratsbeschluss, siehe http://www.jena.de/sixcms/detail.php?id=32929&_nav_id1=11492&_nav_id2=32256&_lang=de Ich freue mich, dass dieser nun umgesetzt werden soll, und hoffe die Stadtwerke halten diese guten Vorsätze auch durch.
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Oskar
Am 6. November 2010 um 22:57 Uhr
Das klingt ja fast zu schön, um wirklich wahr zu sein.
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Bürger
Am 7. November 2010 um 22:46 Uhr
Wohin sonst, wenn nicht in Bürgerhand gehört die Energie? Man überlege nur mal, wieviel Kaufkraft in der Region bleibt, wenn die Bürger selbst am Energiegeschäft beteiligt sind. Jetzt bitte nicht nachlassen!
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Reinhard Bartsch
Am 10. November 2010 um 12:26 Uhr
und wie machen wir es mit der Fernwärme? Die immerhin für fast (oder mehr?) die Hälfte der Bürger Jenas über die Stadtwerke von demjenigen gekauft wird, den man, oh ihr Jubeler, gerade rauskaufen will, um stattdessen südbadische Pfeffersäcke mit stark grünem Anstrich am Ertrag unserer Stadtwerke beteiligen zu können.
Bisher war es ja für den Kraftwerksbetreiber, der in Kraft-Wärme-Kopplung die Fernwärme erzeugt, wenigstens ein bischen so wie “Linke Tasche-Rechte Tasche” beim Fernwärme-Preis. Das wird sich dann ändern. Man hat ja ungefähr 20 000 Haushalte gewissermaßen als Faustpfand…
Bauen wir dann ein neues Kraftwerk für schlappe 60 oder gar 80 Millionen Euro? So mal ganz schnell? Und die Thüga macht dann ganz schnell ein extrem billiges Gasangebot, damit die Fernwärme nicht dramtisch teurer wird.(Kohle fällt ja wohl flach für Euch, oder?)
Soviel ich weiß steht dafür der Rubikon mit Beginn der Heizperiode 2015. Und die Warmwasserzeugung läuft ja ganzjährig…
Es muß vieles bedacht werden und das harmloseste ist für mich dabei die Beteiligung Jenaer Bürger an den Stadtwerken, was auch ich begrüße.Stimme zu / Lehne ab:
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S.Pukallus
Am 10. November 2010 um 20:35 Uhr
Also wenn man beruflich wie ich sehr viel mit Stadtwerken in de zu tun hat, ist der Schritt nur zu empfehlen. Denn nur wer sich jetzt als Kommune oder Versorger strategisch positioniert, den werden die laufenden und anstehenden Umbrüche im Energiemarkt (Erzeugung, Handel, Vertrieb, Netz, Messung, Abrechnung) nicht überollen. Ist man falsch aufgestellt, wird die Konsequenz sein, dass die Gewerbekunden mit guter Struktur und Gewinnmarge von fremden Versorgern (überregional tätigen Unternehmen mit gewissen Möglichkeiten der Manipulation der Strompreise) “rausgekauft” werden. Letztlich werden den Jenaer Werken die “schlechten” Verbraucher (Abnahmeverhalten und Menge) übrigbleiben. Das ist momentan in vielen kleineren Werken das zu beobachtende Problem. Die Folge, steigende Preise für Haushalts- und Gewerbekunden und Investitionsengpässe. Eine Spirale, die nach unten zeigt. Ein relativ kleines Werk wie Jena kann nur durch integierte Produktangebote und Herstellung von Kundenbindung (Identitätsstiftung am Kunden oder eben Ausgabe von Bürgeranteilen) gegenüber überregionalen Versorgern mit hoher Liquidität und prall gefüllten Taschen zum „rauskaufen“ von Kunden aus anderen Werken, konkurrieren.
Selbst das Problem mit der Fernwärme sehe ich nicht so eng und würde eher eine Chance denn ein Risiko ausmachen. Es gibt beispielsweise im Umland von Jena genug Biogasanlagen, die mit ihrer Wärme nicht wissen wohin und diese in die Luft blasen. Wieso kann man nicht über neue dezentrale Versorgungswege nachdenken (Will man sich für immer dem russisch- arabischen Öl- und Gasimpersalismus ausliefern?). Nur die integrierte Versorgung mit verschiedenen Produkten bietet dem heimischen Versorger einen gewissen Wettbewerbsschutz. Denn ausschließlich mit Stromverkauf ist heuzutage nur schwer Geld zu verdienen.
Der Bindung der Anteile an die Bürger wäre also nach meiner Auffassung ein Schritt in die richtige Richtung.
Soweit, Stefan PukalllusStimme zu / Lehne ab:
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Reinhard Bartsch
Am 11. November 2010 um 09:48 Uhr
Die Bürgerbeteilung und zwar JENAER Bürger, lässt sich ganz einfach durch “Verwässerung” erreichen. Das heisst: ich kaufe mir für je 500,00 € diverse Anteile. Diese werden in einer Bürgerbeteiligung gesammelt. Im Gegenzug werden die prozentualen Anteile ALLER anderen Eigner vermindert im Verhältnis ihrer bisherigen Anteile. Einzelheiten dazu sind hier festlegbar, das muß man verhandeln und vor allem wollen.
Das kann man auch als Kapitalerhöhung bei den Stadtwerken nennen – durch die Jenaer Bürger.
Noch etwas zur Fernwärme: Wie krieg ich denn die Hermsdorfer Wärme in meine Wohnung? Es gibt da nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche Grenzen. Nur das Stück von Winzerla in das Zentrum zu erneuern, was nahezu zwingend auf dem Plan der nächsten Jahre steht, kostet Millionen. Haben wir die denn dann noch????Stimme zu / Lehne ab:
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PD Dr. Reinhard Guthke
Am 25. November 2010 um 11:11 Uhr
Lieber Herr Bartsch,
die von Ihnen genannten Probleme lassen sich auf verschiedene Weise lösen, z.B.:
- Entweder: Wir gründen in Jena eine eigene Gesesllchaft und nutzen nur das know-how der EiB (Problem: wie bringen wir in Kürze, d.h. in den nächsten Monaten die ca. 20 Mio EUR auf, die wohl etwa den 5% Anteilen entsprechen, die für einen Aufsichtsratssitz erforderlich sind – oder wir verzichten eben zunächst auf einen Aufsichtratsitz, was für einige Bürger den Anreiz zur Beteiligung dämpfen könnte).
- Oder (meine Vorzugsvariante): Die EiB beteiligt sich für den Übergang mit einem Anteil von 5-10% an den Stadtwerken. Die EiB hat bereits über 25 Mio Euro eingesammelt für die – gescheiterte – Beteiligung an der Thüga. Der Übergang für einen Zeitraum von einigen Jahren (wieviel?), bis die Jenaer Bürgerbeteiligungsgesellschaft genügend eigenes Kapital aufgebracht hat. Zur Erinnerung: Bei der Gründung der Stadtwerke Jena GmbH 1990 hatten die Stadt Jena auch zunächst nur 51% Anteil und die Saarberg Fernwärme 49%. (Ich war damals mit im Aufsichtsrat der Stadtwerke für die Stadt Jena.) Es wurde dann einige Jahre später die vertraglich vereinbarte Rückkauf-Option genutzt, womit die Stadt Jena ihren Anteil auf 70% erhöht und die Saarberg-Fernwärme GmbH auf 10% abgesenkt hat. Ähnliche vertragliche Vereinbarungen für einen guten und gleitenden Start der Bürgerbeteiligung würde ich mir auch vorstellen, wenn es zu einer Beteiligung der EiB käme.
(Übrigens: Ihren Ausdruck “südbadische Pfeffersäcke” finde ich einer sachlichen politischen Diskussion, um die es hier gehen sollte, als ungeeignet.)An alle: Wer sich mit den neuen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung an den Jenaer Stadtwerken befassen möchte ist gern und dringend eingeladen zur diesbezüglichen Diskussion am Montag, dem 29.11.2010 um 19.00 Uhr mit Vertretern von EiB (Energie in Bürgerhand) unter anderem dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Michael Sladek im Plenarsaal des Rathauses. (Zur Erläuterung für einige, die Herr Sladek noch nicht kennen: Er ist Arzt und Initiator der “Elektrizitiätswerke Schönau” und gemeinsam mit seiner Frau Ursula Sladek hat er 2004 das “Bundesverdienstkreuz am Bande” erhalten.)
http://www.jenapolis.de/91797/podiumsdiskussion-zur-buergerbeteiligung-an-den-stadtwerken/Stimme zu / Lehne ab:
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