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Interview mit einem Jenaer Ghostwriter



Jena. Jenapolis sprach mit einem Jenaer Ghostwriter über dessen Tätigkeit. Wolfgang Klinghammer arbeitet seit mehr als sechs Jahren in Jena als Ghostwriter, nachdem er hier an der Friedrich-Schiller-Universität sein Magisterstudium der Politikwissenschaften und Geschichte abgeschlossen hat. Er ist Autor des 2007 erschienenen „Handbuch Ghostwriting – Marktumfeld und Arbeitstechniken“

Jenapolis: In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Ghostwriter im allgemeinen als Schreiber ganzer akademischer Arbeiten. Schreiben Ghostwriter komplette Dissertationen und Diplomarbeiten?
Die meisten „Geister“, übrigens auch ich, würden keine akademischen Prüfungstexte verfassen. Dies begründet sich zum einen in der Prüfungshandlung selbst und zum anderen in rechtlichen Problemen. Ein Ghostwriter kann sich auch strafbar machen, wenn er bewusst die akademische Prüfungsleistung für eine andere Person erbringt oder anbietet.

Jenapolis: Gibt es Bedarf an der Erarbeitung solcher Texte?
Ja – Ich muss sehr viele Anfragen mit dieser Intention abblocken. Ich weise aus diesem Grund auch auf meiner Webseite explizit darauf hin, dass ich solche Dienstleistungen nicht anbiete. Allerdings gibt es auch bei der Erarbeitung solcher akademischer Aufträge gewisse Grauzonen.

Jenapolis: „Grauzonen“ in wie fern?
Wenn eine wissenschaftliche Arbeit verfasst wird, lässt man den Text eigentlich immer gegenlesen, diskutiert dann die Ideen. Es kommen dann auch Anregungen zu weiterer Literatur oder Gliederungen. Häufig geben auch die Doktorväter selbst zahlreiche Hinweise und Hilfestellungen oder es werden sogar wissenschaftliche Hilfskräfte dafür eingesetzt. In diesem Bereich gibt es eine rechtliche Grauzone auch im Bereich professioneller Hilfestellung: Wenn Professoren sich Texte von Hilfskräften sammeln und kopieren lassen, warum sollte es Studenten verboten sein?

Jenapolis: Welche Gründe haben Menschen, einen Ghostwriter zu engagieren?
Es gibt zwei Hauptgründe, sich an einen Geist zu wenden. Der häufigste ist der Zeitmangel, parallel zu Beruf, Familie oder Politik auch noch ein Buch zu verfassen. Der weniger häufige Grund ist schlicht fehlende Kompetenz auf dem entsprechenden Gebiet. Das macht die Sache allerdings fragwürdig und auch die Arbeit für den Ghostwriter sehr viel aufwändiger.

Jenapolis: Welche Menschen wenden sich primär an einen Ghostwriter?
Vor allem Menschen, die mit dem Text für sich werben möchten. Sehr häufig müssen Aufsätze, Bücher oder Teile von Büchern geschrieben werden, um der betreffenden Person Kompetenz auf einem gewissen Gebiet, etwa im Managementbereich, zu bescheinigen. Es kommt aber auch vor, dass reguläre Autoren Hilfe beim Schreiben eines populärwissenschaftlichen Buches benötigen, um den Schreibstil aufzuwerten und griffiger zu machen. Manchmal ist es auch schlicht und ergreifend der Zeitmangel.

Jenapolis: Wie kann man sich das Arbeitsverhältnis von Ghostwriter und seinen Kunden vorstellen?
Die meisten Aufträge kommen über Vermittler – zumeist Agenturen – zustande, welche zahlreiche Ghostwriter haben und die besten für den konkreten Kunden und Auftrag auswählen. Ansonsten werden Kunden direkt interviewt, um Material für den Text zu sammeln. Der größte Teil der Kommunikation läuft über Mails und Telefonate.

Jenapolis: Wie kommt man auf die Idee, als Ghostwriter zu arbeiten?
Weil man irgendwann auf den Begriff gestoßen ist und dann festgestellt hat, dass es ein spannender Beruf ist, bei dem man eine Menge lernt, da ständig neue Themen gefragt sind. Außerdem ist die Arbeit als Ghostwriter einfacher, als sich durch die Wirren des akademischen Lebens an der Universität zu schlagen. Wenn man den universitären Betrieb – gerade in der Politikwissenschaft – so beobachtet, vergeht einem die Lust. Da geht es mehr um Parteiennachwuchs, um Ideologie und um Fördergelder als um Wissenschaft. Als Ghostwriter ist man sehr flexibel mit seinen Arbeitszeiten, seinen Methoden und den Aufträgen, die man annimmt – oder eben nicht. Man hat keinen Stress mit Studenten und muss sich nicht jahrelang in zwielichtigen Netzwerken mit Beamtenmentalität hochdienen. Es ist ganz einfach eine angenehme Möglichkeit, kreativ und teils auch wissenschaftlich arbeiten zu können.

Jenapolis: In der Diskussion um Guttenberg wurde auf der Onlineplattform Guttenplag-Wiki sehr oft gemutmaßt, Guttenberg hätte einen Ghostwriter engagiert, was denken Sie?
Ich habe die Arbeit jedenfalls nicht geschrieben, das wäre mir aufgefallen. Ich denke, er hat sie selbst verfasst – so schlecht, wie sie war. Ein Ghostwriter hätte vermutlich etwas Gescheites abgeliefert. Falls tatsächlich ein Ghostwriter dafür verantwortlich war, dann wohl einer mit CSU-Parteibuch.

Jenapolis: Haben Ihre Kunden ein schlechtes Gewissen, wenn Sie zu Ihnen kommen?
Nein. Viele sind sich aber unsicher, was sie eigentlich wollen. Der Begriff Ghostwriter ist zwar im anglo-amerikanischen Raum sehr bekannt, in Deutschland aber noch eine seltene Erscheinung. Daher reagieren manche Menschen verunsichert. Das ist allerdings nicht nötig: So geisterhaft-schaurig, wie sich das anhört, ist es nicht.

Das Interview führte Martin Michel.

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