Völlig planlos aber geil auf´s neue Stadion: Umbau soll am 8. Juni beschlossen werden
Jena. Völlig überraschend kam für (fast) alle Jenaer der Vorstoß aus dem Erfurter Wirtschaftsministerium: Minister Matthias Machnig (SPD) präsentierte am 2. Mai mit den Oberbürgermeistern von Erfurt und Jena,
Andreas Bausewein und Dr. Albrecht Schröter (beide SPD), die spruchreife Idee eines Stadionumbaus. Nicht einmal Jenas Finanzdezernent Frank Jauch (SPD) war informiert. Auch Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) mit Wohnsitz in Jena und Arbeitsort in Erfurt erfuhr erst aus der Pressemitteilung seines Kollegen, von den Umbauplänen des Steigerwald- und das Ernst-Abbe-Stadions für insgesamt rund 50 Millionen Euro. Doch nun soll es schnell gehen. Die Planungen sind im vollen Gange, es fehle nur noch die Legitimation.
Die Europäische Union fördert die Umrüstung der maroden und nur für diverse Sportarten geeigneten Bauten in multifunktionale, moderne Veranstaltungszentren mit überregionaler Anziehungskraft. Der Bund und der Freistaat fördern ebenfalls die Bauarbeiten, die bei laufendem Betrieb bis 2013 abgeschlossen werden sollen. In Jena wird ein Eigenanteil von vier Millionen Euro fällig, der auf zwei Jahre verteilt zu leisten ist. Bei einer Auslastung von 90 Veranstaltungen pro Jahr (in Erfurt 120 Veranstaltungen pro Jahr) wären auch die Kosten gedeckt. Als mögliche Arten von Veranstaltungen sieht OB Schröter keine Grenzen: Messen, Konzerte, Kulturveranstaltungen, Tagungen und Kirchentage sind denkbar.
Christian Böhm, Leiter der Abteilung Sport beim Eigenbetrieb Kommunale Immobilien Jena (KIJ) sagte am 10. Mai im Sozialausschuss: „Wir wissen tatsächlich nicht viel. “ Nur wenige Daten sind bekannt. Diese wurden aber aus der oben aufgeführten Pressemitteilung aus dem Hause Machnig entnommen. Das Verfahren für die Fördermittelbeantragung und der Rahmen sind die großen Unbekannten. Die Betriebskosten sind ebenfalls unbekannt. Bei KIJ schätzt man allerdings für die Anzahl der durchzuführenden, geplanten Events ein, dass der Rollrasen ein- bis zweimal jährlich ausgetauscht werden müsse. Das allen wären Kosten zwischen 120 000 bis 150 000 Euro pro Rasenwechsel. Lediglich sei der Wortschatz bereichert worden: “polyvalente Veranstaltungsarenen” werden solche umgebauten Stadien genannt, auf Deutsch etwa vielfältig nutzbare, nicht überdachte Sportplätze.
Sportlich sind auch die Vorgaben. Bei einem unbekannten Konzept kann keine seriöse Schätzung der Bauzeit vorgenommen werden, so Böhm weiter. Selbst wenn sechs Monate für die Auswahl der Planungsbüros veranschlagt würden, müsse parallel dazu ein Betreiberkonzept mit überregionaler Ausrichtung vorgelegt werden. “Da sind wir aber schon im Jahr 2012.”, so Böhm. Erschwerend kommt noch hinzu, dass “das entsprechende Gutachten nicht vorliegt.” Durch die Presse “kursierende Vorstellungen können nicht bestätigt werden”, sie sind schlicht veraltet. Da es aber um Fördermittel aus verschiedenen Töpfen geht, vor allem von der EU, ist aber der Zeitplan zu beachten, mahnt Volker Blumentritt (SPD). Aber es muss ein Konzept vorgelegt werden. Für eine solche Arena werden außerdem 1 000 Parkplätze benötigt. Diese sind ein weiterer Kostenfaktor, so Blumentritt. Eine Entschleunigung sei notwendig, erinnert aber der Bündnisgrüne Ralf Kleist. Der im Stadion spielende Fußballverein FC Carl Zeiss Jena hat bisher, wie auch die Stadtverwaltung, kein Konzept vorgelegt. Das Fazit des Abteilungsleiters Böhm lautet abschließend: “Wir wissen nicht, was das Wirtschaftsministerium meint und haben will.” Der Sozialausschuss, der öffentlich tagt, wird über weitere Entwicklungen informiert.
Am 8. Juni soll der Jenaer Stadtrat über eine Beschlussvorlage des Oberbürgermeisters abstimmen. Für diesen neuen Beschluss muss ein alter Stadtratsbeschluss entweder aufgehoben oder geändert werden. Viel mehr ist nicht bekannt.
Da der Eigenanteil zweckgebunden sei, können die Millionenbeträge nicht in anderen, auch wichtigen (sozialen …) Projekten verwendet werden, so Jenas Stadtoberhaupt Schröter im gestrigen Pressegespräch. Auf den Wahlkampf möchte er sein Engagement für Kultur, Tourismus und Wirtschaft nicht reduziert wissen. Einige böse Zungen behaupten bereits, dass ein SPD-Minister für zwei SPD-Oberbürgermeister einen populistischen Wahlkampf betreibe. Im nächsten Jahr finden nämlich in Erfurt wie auch in Jena Oberbürgermeisterwahlen statt.
Autor: Tobias Netzbandt
Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:- Jena wird im Jahr 2018 schuldenfrei sein
- Kahlschlag ausgeblieben: 65 Millionen Euro für Thüringer Theater und Orchester
- Weniger Einnahmen, mehr Ausgaben: Haushaltsdiskussion in Jena verspricht Konfliktpotenzial
- Multifunktionsarena: Verwaltung ist skeptisch für Förderfähigkeit, Land reagiert nicht
- Babyboom in Jena: Kindergartenplätze werden knapp
Einen Kommentar schreiben
9 Reaktionen zu “Völlig planlos aber geil auf´s neue Stadion: Umbau soll am 8. Juni beschlossen werden”-
Robert Conrad
Am 11. Mai 2011 um 09:10 Uhr
Auf ein Wort zu diesem Beitrag:
Jetzt wird sich darüber beschwert, dass die Planungen noch nicht abgeschlossen sind – “planlos”.
Was hätte jenapolis denn geschrieben, wenn alles vorgelegen hätte? “Jena soll Arena von der Stange bekommen” “Stadträte nur Stimmvieh” etc.
Die jetzige Situation, in der man noch viel ausgestalten kann, ist da doch wesentlich besser.
Beste Grüße
Robert Conrad
Stimme zu / Lehne ab:
1
0 -
Holger Herrmann
Am 11. Mai 2011 um 09:37 Uhr
Das erinnert mich schmerzlich an die Genossen Herbert Ziegenhahn aus Gera und Wolfgang Biermann aus Jena. http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Biermann
Stimme zu / Lehne ab:
0
1 -
Holger Herrmann
Am 11. Mai 2011 um 09:52 Uhr
Schade nur, dass Wirtschaftsministerium: Minister Matthias Machnig (SPD) kein Geld für einen Zoo verteilt hat, dafür wäre in Jena echter Bedarf und Platz für einen Tierpark wie in Bad Kösen oder Eisenberg wäre auf dem Eichplatz genug.
Das bissel B-Plan liess sich sicher auch problemlos ändern.
Stimme zu / Lehne ab:
0
0 -
Tom
Am 11. Mai 2011 um 10:26 Uhr
Gott jetzt sollen wir das auch noch planen …. Mann, Leute, es geht um FUSSBALL … da sehe ich keine Pläne mehr sondern nur noch Begeisterung … oder? Her mit der Kohle, nieder mit den Bedenkenträgern. (et pereat … ). Also wirklich, wer hat denn schon einen Plan wenn Männer sich was ausdenken …
Stimme zu / Lehne ab:
0
0 -
TomWed
Am 11. Mai 2011 um 12:36 Uhr
Was sind denn 4 Mill. Euro? Mal als Beispiel: der Preis für reichlich einen modernen für Jena tauglichen Straßenbahnzug, das Stück zu 2,5 Mio gerechnet; man kann für das Geld auch einen einzigen in extravaganter oder größerer Ausführung bekommen. Wenn ich dafür eine landes- und kommunalpolitische Dauerbaustelle beseitigen kann, soll es meinetwegen ausgegeben werden… Leute, wir brauchen auch mal den Kopf frei für anderes, anstatt sich in 10 Jahren immer noch im Kreise zu drehen und Sitzungszeit im Stadtrat zu vergeuden.
Was mich natürlich klammheimlich freut: Es hieß mal, dass im Stadion NIEMALS andere Veranstaltungen als Fußballspiele stattfinden dürfen, weil die neuen Bewohner der Sophienhöhe sonst die Stadt wegen Lärmbelästigung verklagen könnten. Ja was denn: Wenn ich ein Pokalspiel unter Flutlicht samt Verlängerung und Elfmeterschießen um 20 Uhr anfange, geht es auch mit Unterbrechungen und Nachspielzeiten bis kurz vor 23 Uhr. Hat noch nie jemand gestört; allerdings hielt sich die Anzahl solcher Spiele seit dem Wohnungsbau auf der Sophienhöhe in engen Grenzen. Die Justiz urteilt natürlich manchmal seltsam; vielleicht sollte das Ministerium die Frage vorab klären lassen.
Stimme zu / Lehne ab:
2
0 -
Bastian Ebert
Am 11. Mai 2011 um 14:14 Uhr
Früher oder später muss das Stadion ohnehin erneuert werden, wir werden also nicht umhin kommen Geld in die Hand zu nehmen. Was mir an der Stelle noch fehlt um einschätzen zu können, ob die 4 Millionen + der Anteil des Landes eine sinnvolle Investition sind ist das bereits angesprochene Betriebskonzept. Wieviele Euro wird das neue Stadion denn Jena pro Jahr kosten und welche Einnahmen werden erwartet? Wie realistisch sind eventuelle Auslastungszahlen? Wäre das Stadion auch Zweiligatauglich, falls der FCC mal aufsteigt und umgekehrt für den Fall eines Abstiegs – wie würde sich das auf den Betrieb auswirken? Da fehlt noch eine ganze Menge an Vorarbeit um entscheiden zu können ob das Geld gut angelegt ist oder nicht.
Stimme zu / Lehne ab:
1
0 -
Heiko H.
Am 11. Mai 2011 um 22:29 Uhr
Liebe Herren von der CDU, SPD und Grüne. Erinnert ihr euch, vor nicht allzu langer Zeit habt ihr über die Streichliste des OB gejammert und gesagt dass unsere Stadt doch sooo knapp bei Kasse wäre. Plötzlich stellt eine Eigenanteil von 4 Millionen plus Betriebskosten überhaupt kein Problem mehr dar?
Glaubhafte Politik sieht anders aus.Stimme zu / Lehne ab:
2
0 -
Bruno
Am 12. Mai 2011 um 20:00 Uhr
die Planungen sind in vollem Gange – es fehle nur noch die Legitimation – sagt doch alles. Aberrrr einem geschenkten Gaul schaut Mann nicht aufs….
Stimme zu / Lehne ab:
0
0 -
Andreas
Am 12. Mai 2011 um 22:30 Uhr
um mal neben den unbekannten nebenkosten – haben die Thüringer nix aus dem Spaßbäder-Debakel der 90er Jahre gelernt? – zwei weitere Fragen in den Raum zu stellen:
1. Welche Art von weiteren Veranstaltungen sollen denn im Stadion stattfinden? Ich meine, dass eine reine Verlagerung von bislang woanders stattfindenden Veranstaltungen – bspw. von der Kulturarena – doch im Endeffekt ein reiner Etikettenschwindel wären.
2. Wo muss das Land für den relativ großen Landesanteil sparen? Und wie ist Jena hiervon – wenn auch nur mittelbar – betroffen?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, kann meiner Ansicht nach kein Stadtrat gutem Gewissens für die Bereitstellung der Mittel stimmen. Geschenkt – wie Bruno es meint – wird das Stadion aber garantiert nicht sein. Die Frage ist nur, ob wir uns als Jenaer Bürger diesen Luxus gönnen wollen.
Stimme zu / Lehne ab:
1
1

