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Rezension “20 Jahre Stadterneuerung”: Das Jena von morgen soll elegant, hochwertig und lukrativ sein



Jena. Das Dezernat Stadtentwicklung der Stadt Jena hat, wie bereits berichtet, kürzlich die Publikation „20 Jahre Stadterneuerung in Jena“ herausgegeben. An dieser Stelle folgt nun eine Rezension dieser Schrift. Grundsätzlich wird der Preis von 8 Euro vermutlich leider dazu führen, dass nur wenige die Schrift wahrnehmen. Eine digitale Fassung wird (bislang) nicht angeboten.

Positive Entwicklungen sind zweifellos vorhanden und werden auf mehr als 140 Seiten ausführlich dargelegt. Bauten wie die Bibliothek und der Stadtspeicher sind ohne Frage von sehr hoher Qualität. Auch planerische Überlegungen, Güter in Zukunft möglichst mit der Eisenbahn her zu transportieren, sind bemerkenswert und richtungsweisend – sofern die Stadt überhaupt Einfluss darauf hat.

Bei der Lektüre entsteht jedoch der Eindruck von Unausgewogenheit. Wie schon im Bildband Architektur in Jena erinnert der Schreibstil stellenweise an Pressebulletins. Millionen- oder Milliardenbeträge werden aufgezählt – läßt sich denn daran wirklich menschlicher Fortschritt ermessen? Gemeinplätze wie „Stadt der kurzen Wege“ werden wiederholt – gibt es nicht auch Barrieren? Der Leser stellt sich die Frage, ob nicht auch mit geringerer Seitenzahl mehr Substantielles hätte angesprochen werden können. So gibt es nur wenige (selbst-)kritische Anmerkungen. Ist Kritik denn nicht ein wesentliches Element von Erneuerung? Der Jenaer Künstler Falko Bärenwald wünscht sich jedenfalls eine “offene, kritische Diskussion um Architektur”.

Kontroversen wie um die Schließung des Capitols werden nicht thematisiert. Warum hat die Stadt ihr Vorkaufsrecht bei diesem Kulturgut nicht wahrgenommen, um es zu erhalten? Die finanziellen Konflikte um den zweiten Bauabschnitt des Klinikums werden ebenfalls ausgeblendet: Alles liefe nach Plan, der erste Spatenstich sei 2009 erfolgt. Auch den Begriff Bürgerbeteiligung sucht man – außerhalb von Stadtteilarbeit – vergebens.

In den zahlreichen begleitenden Kurzinterviews mit Bürgern werden solche Diskrepanzen erkennbar. Bezeichnenderweise lautet die erste Frage stets, wie man Jena in einem Immobilienmagazin anpreisen würde. Dies fügt sich zur Äußerung der Stadtentwicklungsdezernentin Katrin Schwarz in Bezug auf den Inselplatz: “Wir bieten eine lukrative Investmentchance”. Aus Sicht des Gemeinwohls ist diese Aussage beunruhigend. Aufgrund der Finanzkrise und der damit verbundenen „Volatilität“ des Geldes (Entwertung, Unsicherheit) streben, wie allgemein bekannt, die Investoren intensiv nach Anlagemöglichkeiten in Form von Immobilien.

Der befragte Markthändler Klaus Hülbig sieht hingegen in der “renditeorientierten Verklotzung der Innenstadt am Eich- und Inselplatz” und der “Bebauung an den sensiblen Hängen” eine Minderung seiner Lebensqualität. Der Fachbereichsleiter Stadtentwicklung/-planung Matthias Lerm formuliert letzteres euphemistisch: “Viel stärker als bisher ist Wert zu legen auch auf die vertikale Schichtung der Stadt”.

Der Oberbürgermeister schreibt im Vorwort, dass “im Jena von morgen die Lebensqualität ganz im Mittelpunkt” stünde. Die Frage ist nur, ob das für alle Bewohner der Stadt in gleicher Weise gelten wird. In Arvid Krügers Erneuerung der Erneuerung wird explizit auf die Gefahr der sozialen Spaltung hingewiesen (S.24ff). Auf diesen Aspekt von Stadterneuerung wird in der Darstellung der Stadtverwaltung nicht eingegangen. Ignoriert werden auch aktuelle Forderungen nach einer integrierten Stadtentwicklung. Dabei geht es – im Gegensatz zur vorherrschenden “Jagd” nach Fördermittelkonstruktionen – um “eine schlüssige Strategie, ein integriertes Konzept sowie ein Maßnahmenbündel, in dem die gesamte städtische Lebenswirklichkeit abgebildet wird” (Krüger S.138ff).

Ähnliche Gedanken hegt Universitätsrektor Klaus Dicke: “In der Diskussion um Stadtentwicklung gilt es Wirkungszusammenhänge zu hinterfragen und örtlich spezifische, alternative Entwicklungsmodelle zu suchen”. Selbstbewusst erklärt er: “Universitätsentwicklung = Stadtentwicklung”. In Bezug auf die Bebauung innerstädtischer Brachflächen ist für die Rektorin der Fachhochschule Gabriele Beibst und den Vorstandsvorsitzenden der Jenoptik Martin Mertin “zeitnah nicht das Kriterium”, also keine Eile erforderlich. Mertin hält ferner die “Integration des Umlandes für nicht wirklich gelungen”. Der Denkmalpfleger Heribert Sutter erachtet den Zustand der (auf dem Rückumschlag abgebildeten) Lobdeburg für “bedenklich”. Für Kurator Erik Stephan sollte man nicht bloß Lücken “kaschieren, sondern Mut zur Moderne beweisen”: “Andere, auch vergleichbar große Städte, sind da weiter”.

Stephans Auffassung kontrastiert mit Lerms Faible für die Gründerzeit und deren “Vorderseite”. Lerm deutet beispielsweise an, zwischen Theaterhaus und Neugasse die Baustrukturen des ehemaligen Karmeliterklosters wieder aufzugreifen, allerdings unter anderem mit einer Gewerbenutzung. Er kündigt weiter an, unter dem lateinischen Titel formatio jenensis “einen Standard für die Entwicklung des öffentlichen Raumes erarbeiten” zu wollen, um “zu einer ruhigeren, einheitlicheren, im gewissen Umfang tatsächlich typisierten Ausformung der öffentlichen Räume zurückzufinden”. Er plädiert hier für eine “hohe kommunikative Dichte” (d.h. Bebauung verbliebener Lücken). Doch wie der Stadtforscher Max Rousseau kürzlich in Le Monde diplomatique schrieb, wenn man den öffentlichen Raum zu einem Raum der permanenten Bewegung macht, erschwert man auf ganz konkrete Weise das soziale Miteinander.

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Eine Reaktion zu “Rezension “20 Jahre Stadterneuerung”: Das Jena von morgen soll elegant, hochwertig und lukrativ sein”
  • Andreas Mehlich Am 12. August 2011 um 11:18 Uhr

    Lieber Jean,

    danke für deinen Beitrag. Ich war bei der Präsentation der Broschüre im Rathaus dabei. Auch dort war der Tenor, dass Stadt für die Bürger, aber nicht mit ihnen gestaltet und geplant wird. Man sollte nie vergessen, dass der Mensch als Nutzer den Raum erst zum “Sozialraum” macht! Der geplante öffentliche Raum muss angenommen und ein lebendiger Teil der Gesellschaft werden. Und das sollte und kann nur durch eine aktive und gewollte Mitnahme der Bürger passieren. Für mich ist das ein integraler Bestandteil der Stadtentwicklung oder Stadterneuerung, den ich leider hier nicht sehe bzw. sehr vermisse. Der Eichplatz hat uns gezeigt, dass Jena noch nicht auf dem Gleis der Zukunft fährt.

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