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Kommentar: Schichtwechsel im alten caleidospheres?



Jena. Nun ist auch das raus. Jena wird Kunststadt. So jedenfalls verkündete am gestrigen Freitag Abend beim Sommerfest des Jenaer Kunstvereins Jenas Oberbürgermeister Schröter seine Botschaft. In die alten Hallen des caleidospheres auf der anderen Seite des Westbahnhofes, gleich gegenüber dem Kassablanca, waren knapp dreihundert Gäste gekommen, die gemeinsam ein Sommerfest erleben wollten. Im Vorfeld jedoch gab es enorme Kritik am Konzept und den Rahmenbedingungen des Abends. Gleichzeitig wollte man demonstrieren, dass hier jetzt ein Ort der Kunst entstehen solle, so OB Schröter in seiner Ansprache weiter. Schröter verwies auf die jahrelange gute Arbeit des caleidospheres Vereins, der ja den Ort überhaupt erst zu dem gemacht hatte, wofür er später dann berühmt berüchtigt wurde.

“Wir wollen jetzt wieder das neue, das Avantgardistige hier entdecken und das mit allen Akteuren.” Damit meinte er sicherlich mit dem Begriff der Avantgarde die Vorreiterrolle dieses Ortes bzw. des Vereines. Zitieren wir trotzdem kurz zum Thema aus der Wikipedia: “Der Begriff Avantgarde stammt ursprünglich aus dem Sprachschatz des französischen Militärs und bezeichnet die Vorhut, also denjenigen Truppenteil, der als erster vorrückt und somit zuerst Feindberührung hat. Im übertragenen Sinn werden unter Avantgarde politische und künstlerische Bewegungen zumeist des 20. Jahrhunderts verstanden, die eine starke Orientierung an der Idee des Fortschritts gemeinsam haben und sich durch besondere Radikalität gegenüber bestehenden politischen Verhältnissen oder vorherrschenden ästhetischen Normen auszeichnen.” Dieser Eindruck machte sich jedoch nicht wirklich bei der Veranstaltung breit.
So ähnlich ließe sich auch die Situation am Freitag Abend beschreiben. Ausgelassenheit war nicht wirklich angebracht, ein leichtes Drücken in der Magengegend war des öfteren zu hören. Immerhin saßen die Jungendlichen draußen vor der Tür des caleidospheres, die sich den Eintritt (20 bzw. 15 Euro) zum gestrigen Sommerfest nicht leisten konnten. Wer jedoch drinnen war, verstand dies nicht so richtig. Immerhin koste ja der ganze Abend viel Geld, sagt eine Aktivistin des Jenaer Kunstvereines.

Wer wo, wie und warum und wieviel Geld hier in die Hand genommen hat, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Entscheidend sei hier anzumerken, dass wir wieder wie so oft in letzter Zeit Kommunikationsprobleme haben. Dies wird umso mehr immer deutlicher, das die verschiedenen Gruppen mit den verschiedenen Ansätzen nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen. Wolle man dem Problem ernsthaft begegnen, müsse man nun endlich ernsthaft und auf gleicher Augenhöhe das Gespräch führen. Oberbürgermeister Schröter sah in seiner Rede auch keine wirklichen Gegensätze der verschiedenen Akteure und wünsche sich mehr Diskussion mit den verschiedenen Akteuren. Dazu solle auch der Abend Hilfe leisten, jedoch übersah er dabei, das die, die hätten mitreden können, draußen vor der Tür saßen. Eine große Geste wäre gewesen, einfach mal hinaus zu gehen und die Leute mit hinein zu holen. Das Eintrittsgeld wäre hier seitens der Stadt wirklich sinnvoll angelegt gewesen. Diese ja fast einmalige Chance wurde aber verpasst, und ob dafür ein zweites Zeitfenster aufgehen wird, bleibt abzuwarten.

Abschließend möchte ich jedoch bemerken, dass zu späterer Stunde dann doch noch alles noch lockerer wurde, spätestens jedoch, als die Liveband zu spielen begann. Auch sehr junge Leute waren dann in den Hallen zu sehen, ob diese dann wußten, das dies keine “C4″-Veranstaltung war, darf bezweifelt werden. Ist ja eigentlich auch egal. Mir hat es jedenfalls gefallen, und ich achte die große Mühe des Jenaer Kunstvereins bei der Ausrichtung des Abends, fernab jeglichen politisches Beigeschmackes.

Das Streiten um Plätze in Jena muss endlich ein Ende haben. Es muss ein Ort geschaffen werden, wo die verschiedenen Gruppen wirklich gleichberechtigt und neu miteinander zu gemeinsamen Akteuren werden können. Dabei sollte die Kooperation weit im Vordergrund stehen, nicht aber die Konkurrenz untereinander, denn die führt, wie wir ja alle wissen, nicht wirklich zu positiven erfolgen und keinem wirklichen miteinander.

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4 Reaktionen zu “Kommentar: Schichtwechsel im alten caleidospheres?”
  • Kirsten Limbecker Am 19. September 2011 um 00:50 Uhr

    Betrachtungen einer Freundin des alten caleidospheres

    Es war schon ein skurriler Abend sicherlich mit widersprüchlichen Gefühlen für diejenigen jungen Menschen (nicht Jugendliche), die mit dem caleidospheres eine kulturelle Heimstätte verloren haben. Zum einen war es schön, den Ort überhaupt wieder belebt gefunden zu haben. Nostalgische Erinnerungen und auch ein Wohlfühlen an diesem für sie vertrauten Ort waren wohl nicht selten – auf der Terrasse sitzend oder auch durch die Halle schlendernd.

    Dass die Menschen draußen saßen und nur zögerlich hineingingen, war nicht allein dem hohen Eintrittspreis geschuldet sondern auch Resultat eines Unbehagens dieser doch sehr unsensiblen Aneignung des Ortes, den sie als den ihren empfinden. Dem Kunstverein zum Teil und erst recht den StudentInnen aus Erfurt war im Vorfeld gar nicht recht bewusst, was diese Bahnhalle für eine Bedeutung für hunderte Jenaer hatte. Nicht Wenige der ehemaligen caleidospheres-Gäste hatten das Gefühl von Wut – gegenüber Schott, dass sie dem Kunstverein den Ort zusprechen, ihnen aber nahmen; gegenüber jenen Akteuren der Jenaer Welt, die jahrelang auf die Subkultur hinunterschauen oder sie gar nicht beachten; gegenüber einer allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz, alles gestriegelt und gebügelt zu verformen.

    Die Subkultur ist leider für viele Menschen einer bürgerlicheren Kultur kaum ein interessantes, anzuerkennendes Feld von kreativer und wirklich avantgardistischer Kultur.

    So traf es auch eher auf Unverständnis, was der Oberbürgermeister und der Kunstverein mit diesem Raum bezwecken wollen. Dabei sind freilich solche Barrieren und Vorurteile zu überwinden und das durch Kommunikation zunächst zu versuchen, bevor man es für unsinnig erklärt. Doch wie die “Anzugträger” die “Alternativen” nicht ernst nehmen, so sehen die “Alternativen” die “Anzugträger” als Träger einer gesamtgesellschaftlich schädlichen Kultur. Ein Zusammenkommen von Menschen, die sich nicht scheuen auf dem Boden zu sitzen und denjenigen, die mit glänzenden, teuren Autos vorfahren scheint unvorstellbar.

    Wenn der OB nun von einem Miteinander spricht, so bedingt es aber auch, dass die Subkultur als wertvoll angenommen wird, und dass man die Konfliktlinien gerade dieses Hauses betreffend nicht schön redet sondern anerkennt. Die Akzeptanz der Subkultur muss nicht nur wachsen, weil Gegenteiliges moralisch verwerflich wäre, sondern gerade, weil von dort wichtige Impulse kommen, die Gesellschaft zu reflektieren und voranzubringen. Aber auch weil dort eine größere, freiere Kreativität zu Hause ist, mit verrückten Ideen und jede Menge Lösungen ohne viel Geld Ideen zu realisieren.

    Der Abend war unsäglich teuer und hat wohl ein Minus in den Kassen hinterlassen. So lässt sich die Halle nicht dauerhaft beleben. Auch hatten es die Veranstalter nicht verstanden mit dem eher schwierigen Raum zu arbeiten. Die Halle ist siebzig Meter lang und man kann dort wunderbar verschiedene Räumlichkeiten schaffen. Die Staffeleien und Leinwände standen oft verloren im Raum, es hat kein Ganzes ergeben. Die Beleuchtung und die Aufhängung der Bilder war teils schlecht. Die Bilder alle samt nicht beschildert. Allein die sanften Klavierklänge, ein recht ansehnliches Buffet und die Live-Musik haben den Abend annehmbar gemacht. Von einem Sommerfest kann man jedoch nicht sprechen.

    Wie die zahlenden Gäste, die wohl zum Großteil das erste Mal diesen Ort besuchten, den Abend empfanden, kann ich nicht einschätzen. Nur eine kleine Anekdote: Auf dem Weg zu der eigentlich geplanten Gegenveranstaltung, fragte mich eine ältere Dame in weißen Kleidern, wo sie den Kunstverein fände. Ich zeigte auf das nicht weit entfernte Haus, und sie scheute sich ängstlich mit mir zu diesem Haus zu gehen. Sie meinte, es sehe so dunkel, leer und marode aus. Ich beruhigte sie, erzählte ihr die Hintergründe und brachte sie zum Eingang. Ob sie sich, wie die anderen Gäste letztlich an diesem Ort, wohlfühlten? Irgendwie hatte man schon das Gefühl, dass das alte Haus mit den Graffitis an den Wänden nie ein kulturelles zu Hause für den Kunsterverein und dessen Klientel werden kann. Aber wer weiß, vielleicht bewegt sich auch etwas in der Jenaer Kultur.

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  • Ernst Voller Am 20. September 2011 um 23:59 Uhr

    Liebe Parteifreunde

    Eurer ultra-rosarot verpacktes Toleranzgeheuchle, gepaart mit deutlichen „Zwischen den Zeilen“ Gedisse ist doch echt nicht nett… Ist das etwa schon Wahlkampf-Geschreddere und muss das jetzt schon sein? Ist ja unsensibler als die Endsommer- Lebkucken Attacke… Und dann auch noch auf dem Rücken der armen, stets abgebrannten und heimatlosen Subkulturhippies… Lasst die gefälligst in Frieden, die wollen doch nur in Ruhe ihren Kater zurecht schmieden…

    Obwohl es mal echt stark gewesen wäre, wenn Kirsten und Ihre Soziokultur schaffenden Freunde es auf ihre berühmt-berüchtigte spontane, caleidospherige Art ein paar Kunstwerke entlang der Halle, natürlich schön luftig und hell genug, abgehangen hätten. Hätte besser ausgesehen als draußen nur rumzulümmeln und zu jammern, dass früher alles besser gewesen sei. Gegen avantgardistisches Schrankenverbiegen hatte Schott ja schon mal vorsichtshalber und wahrscheinlich mit reichlich vollen Hosen die schönen Blinkebalken abgebaut. Und dies ganz sicher nicht in der Annahme, dass ihnen ein paar ältere Frauen in weißen Kleidern die Schranken wegkicken werden…

    Naja, blieb ja immerhin alles friedlich aber Lust auf unbeschwertes Feiern hatte nach der bierseligen Aussenbereichs-Protestlümmelei keiner mehr so richtig… Party gekillt, Chance vertan…

    Und überhaupt frag ich mich, was da wohl „damals“ eigentlich genau schief lief, wenn sich Schott nach nur knapp zwei Jahren und erneut auf Vereinsbasis dazu entschließt, Kunst und Kultur in die Halle einziehen zu lassen. Ist doch eigentlich ganz mutig von der AG…

    Und der Jenaer Kunstverein hat sicherlich auch sein Bestes gegeben. OK, dass Abendbrot war solala, da wäre der Zwanni sicherlich auf die gute alte alternative Art bei Bio-Peter für´n Sack krumme Möhren, ´nen Brennnessel-Aufstrich und ein Paar Scheiben Tofu-Salamie, dazu noch ´ne Flasche Fair-Trade-Fusel und ´nen Päckchen Indianerkippen, auch gut angelegt.. Die Liveband war jedenfalls das Geld allemal wert…

    Und dass das ein oder andere Bild im Dunklen blieb war am Ende vielleicht gar nicht so schlecht. Waren doch die ausgestellten Werke gar nicht so hochkulturell wie sie immer hochgedisst. werden.

    Ganz nebenbei, Ich persönlich finde ja Anzüge totschick, schicker zu mindestens als ´nen Kaputzenpulli oder ´ne genauso teure aber deutlich fadere Bergsteigerhose. Auch bin ich mir ziemlich sicher, dass die Hälfte der Protestaktivisten in fünfunddreizig Jahren auch den ein oder andern Zweiteiler oder das weiße Lange gelegentlich aus´n Schrank ziehen werden, um ihn/es gegen die pastelfarbene Freizeituniform auszutauschen…

    Sehen uns bei Kaufland oder Bio-Peter oder gar nicht!

    Ernst Voller
    parteilos

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  • Charles Spencer Am 21. September 2011 um 01:46 Uhr

    Also so dummdreist der Kommentar von Ernst Voller in seiner Gesamtheit auch ist, ganz unrecht hat er nicht.

    Das Caleidospheres war großartig, ein wahrer Hort der Subkultur und in seiner ganzen Abgeranztheit ein unausgesprochenes Versprechen, den Begriff “Avantgarde” positiv deuten zu können, sollte dies möglich sein.

    Ich war am Freitag vor Ort und mußte erleben wie er endgültig starb. Die Menschen hatten aufgegeben, die Stimmung war merkbar gedrückt und dennoch war keiner bereit etwas zu unternehmen. Von “Kompromissen” und “Kommunikation” war die Rede, ich habe Prostitution und freudige Resignation erlebt. Menschen verkauften sich für ein “…tolles Buffet” und “…kostenlosen Sekt”. Vermeintlich integre Personen, denen ich den Mut für offenen Protest zugetraut hätte, besuchten die Veranstaltung (als der Eintritt frei war). Aktiver Protest wäre mutig gewesen, das bloße Betreten der Räumlichkeiten war armselig!

    Ein Abriss des Caleidospheres hätte schon bei der letzten “offiziellen” Veranstaltung in die Wege geleitet werden müssen, von uns! Es hätte uns vielleicht die demütigenden Ereignisse des 16. Septembers erspart, der Tag an dem sich die subkulturelle Szene Jenas (entscheidend?) diskreditierte. Ein schwerer Schlag für die Stadt.

    Ich bin sehr sehr traurig.

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  • Karl-Peter Am 23. September 2011 um 18:16 Uhr

    Besten Dank an den Schreiberling des zweiten Kommentars.

    Es ist halt dieses selbstgerecht dumpfe Pflegen von Vorurteilen, das es einem so unmöglich macht, an irgendeine Form von Annäherung zu glauben, geschweige denn an gemeinsam getragene Konzepte. Ich habe mir die Veranstaltung wenigstens kurz angeschaut, eine der “unseren” hat keine/r seinesgleichen je kennenlernen wollen. Sie würden sich schämen für jedes einzelne seiner Worte.

    Ein “Subkulturhippie” stellt sich vor: In fünfunddreißig Jahren werde ich siebzig sein. Ich trage keine Kapuzenpullis, keine Bergsteigerhosen, keine Pastellfarben. Ich verbiege keine Schrankenanlagen, rauche keine “Indianer-Kippen”, lebe nicht vegan. Ich achte jeden Menschen, der anders lebt (abgesehen vom Schrankenverbiegen und vielleicht den Pastellfarben). Damit war ich einer unter vielen C4-Besuchern, die dort einfach einen Raum fanden ohne “Vollers”, ohne Vorurteile, ohne Verwertungslogik.

    Zum Glück gibt es sie immer noch. Und ein neues C4 wird hinzukommen, schon der triftigen Gründe wegen.

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