Unfähig zu trauern – Kolumne von Uwe Karsten Heye zu den Vorgängen und Debatten in Jena |

Unfähig zu trauern – Kolumne von Uwe Karsten Heye zu den Vorgängen und Debatten in Jena

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Leipzig. Es war ein Beitrag für das ZDF-Kulturmagazin aspekte, der in Jena Empörung auslöste. In der Debatte darüber, wie braun der Osten ist, wirkt er geradezu paradigmatisch. Die aspekte-Redakteure hatten den Schriftsteller Steven Uhly gebeten, mit ihnen nach Jena zu fahren, um als Autor (mit Migrationshintergrund und entsprechendem Roman versteht sich) zu erkunden, wieviel Angst vor den Rechtsradikalen man in der Stadt haben müsse, wo die mutmaßlichen Rechtsterroristen herstammen. Der Schriftsteller Steven Uhly fühlte sich offenbar missbraucht. So wie im Beitrag dargestellt, habe er es gar nicht gesagt, erklärte er im Gespräch bei Figaro. Der Redaktionsleiter Christhard Läpple gestand später Versäumnisse in dem Beitrag ein und stellte sich einer Podiumsdiskussion in Jena. „Fast wäre es zum Eklat gekommen“, schrieb die FAZ anschließend über die Veranstaltung: Und zwar als aspekte-Chef Läpple seinen Ex-Kollegen Uwe Karsten Heye, den Vorsitzenden des Vereins „Gesicht zeigen“, zitierte. Läpple suggerierte in den vorgetragenen Zitaten, dass Heye unaufgefordert einen Brief an die aspekte Redaktion geschrieben habe, in dem er in der Jenaer Empörung einen „typisch ostdeutschen Reflex“ sieht und der Bevölkerung der Stadt eine „greifbare Abwesenheit von Trauer“ vorwirft. Publikum und Podiumsteilnehmer, u.a. der für sein Engagement gegen rechts ausgezeichnete OB Albrecht Schröter, reagierten empört. Der Soziologe Prof. Klaus Dörre sprach von einer typischen „Abwertungskultur des Westens“. Figaro bat den von Läpple als Kronzeugen aufgerufenen Uwe Karsten Heye um seine Sicht der Dinge, die sie hier als unsere Wochenkolumne lesen können.

Unfähig zu trauern – Kolumne von Uwe Karsten Heye zu den Vorgängen und Debatten in Jena

Große Empörung vernehme ich im fernen Potsdam über ein Zitat, das im Jenaer Theaterhaus fiel. Christhard Laepple vom ZDF hatte es verlesen und auf mich bezogen. Ja, ich vermisse die Fähigkeit zu trauern über die Toten der Mordserie des braunen Terrors und den Schmerz der Angehörigen. Dabei unterscheide ich nicht zwischen Ost und West in Deutschland. Das gilt für beide Richtungen. Nur dieser Teil des Zitats ist nicht korrekt wieder gegeben. Es galt eben nicht nur für Jena. Da sollte jeder Bürger für sich entscheiden, ob dieser Vorwurf auch auf ihn zutreffen könnte. Und ebenso empfinde ich die „Unfähigkeit zu trauern“ durchaus nicht erst seit das braune Verbrechertrio aus Jena/Zwickau die Schlagzeilen beherrscht.

Mit Beginn der deutschen Einheit gehen weitere mindestens 140 Mordopfer auf das Konto rechtsextremistischer Schläger, von hunderten, verletzten, verkrüppelten und traumatisierten aber überlebenden Opfern abgesehen. Seit mehr als fünf Jahren wird davor gewarnt, dass der braune Kampftrinker von organisierten Terrorstrukturen abgelöst werden könnte. Anzeichen dafür gab es reichlich, auch in Thüringen. Über die Wirksamkeit des Thüringer Verfassungsschutzes, der alle Hinweise als unzureichend zurück gewiesen haben soll in den zurück liegenden zwei Jahrzehnten, wird sicher noch zu reden sein.

Die Aufregung und Unterschriftenaktion gegen einen Filmbeitrag der ZDF- Kultursendung „Aspekte“, insgesamt 4500 Unterschriften, stehen dazu aber in einem wenig nachvollziehbaren Verhältnis. Ja, der Beitrag hätte gewonnen, wenn die Macher wenigstens mit einem Wort darauf verwiesen hätten, dass es in Jena eine sichtbare Bereitschaft gibt, Dank eines rührigen Bürgermeisters und einer evangelischen Kirchengemeinde und wem zudem darüber hinaus Dank gebührt dafür, gegen Neonazis aufzustehen. Das wäre auch deswegen hilfreich gewesen, weil es Ermutigung bedeutet hätte. Ermutigung auch für die, die noch Abseits stehen. Schade. Eine verpasste Chance. Mehr aber auch nicht.

Wir haben es beim Rechtsextremismus mit einem gesamtdeutschen Thema zu tun. 400 Ermittler der Polizei sind im gesamten Bundesgebiet unterwegs. Das Netzwerk reicht weit. Dabei sind NPD, DVU und Republikaner Blüten aus dem braunen Sumpf der alten Bundesrepublik. Warum die Rekrutierung von Mitgliedern und johlenden Unterstützern in den Fußballarenen auch in den neuen Ländern möglich und erfolgreich war, darüber sollte auch im Osten nachgedacht werden. Ein denkbares NPD-Verbot jedenfalls wird uns nicht zu dem Schalter führen, mit dem braune Gesinnung abgeschaltet werden kann. Dazu müssen wir alle beitragen, erst recht, wenn ein Verbotsantrag erfolgreich sein sollte.

Kolumne des MDR-Figaro, gesendet  am 9. Dezember um 17.10 Uhr

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