Corbusier hoch zwei
Seit Menschengedenken besteht die Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit der Natur, literarisch verewigt in Thoreaus Walden. Unser fossiles Wohlstandsmodell hat uns davon sehr entfremdet: “Die Bäume, die nun verschwunden waren, die Bäume, die Gatsbys Haus weichen mußten, hatten einst wispernd zum letzten und größten aller menschlichen Träume angestiftet” heißt es melancholisch im Großen Gatsby. Doch es gibt Anzeichen für eine Rückbesinnung unter modernen Vorzeichen.
Die Expo 2015 in Mailand wird sich dem Thema “Den Planeten ernähren, Energie für das Leben” widmen. Im Vorfeld hat Stefano Boeri den Katalog biomilano entwickelt. Darin geht er der Frage nach, wie der Gegensatz zwischen Natur und Stadt in Zukunft entschärft werden könnte, worauf die Infrastruktur der Stadt eigentlich fußt. Ein erstes Element daraus steht bereits kurz vor der Fertigstellung: Der sogenannte vertikale Wald. Er besteht aus zwei Hochhäusern, deren Wohnfläche dem Äquivalent von über 700 Einfamilienhäusern entpricht – bei einem Fußabdruck von lediglich 20 EFH. Die unregelmäßig auskragenden Stahlbetonbalkone werden mit Hunderten Bäumen und Tausenden Sträuchern bepflanzt, dem Pendant zu einem Hektar Wald. Damit übertrifft es Le Corbusiers Maxime, die vom Haus beanspruchte Grundfläche mit einem Dachgarten wieder auszugleichen, um ein Vielfaches. Detailierte Diagramme zur Konzeption kann man sich hier ansehen. Einerseits ist Bosco Verticale zwar eine recht künstliche Wohnmaschine, doch die eingesetzte Technik wird der natürlichen Vegetation untergeordnet.
Die Debatte um die Schaffung von Wohnraum kreist in Jena immer wieder um Verdichtung (ohne Natur) einerseits und/oder Erweiterung (in die Natur hinein) andererseits – so zuletzt in der vergangenen Stadtratssitzung, als das sogenannte “Wohnen am Jenzigfuß” diskutiert wurde. Offizielles Ziel ist die Abgrenzung von Stadt und Landschaft. Der Ansatz Boeris zeigt, dass auch ein Zwischenweg möglich ist, der eine Synthese aus beidem sucht. Die Wohnhäuser müssten nicht unbedingt 70 oder 100 Meter hoch sein, niedrigere Varianten sind genauso vorstellbar. Und die Kosten sind laut Boeri fünf Prozent höher gegenüber konventioneller Bauweise, ohne dabei die Vorteile für das Mikroklima einzubeziehen. Hier eine Animation des Mailänder Ensembles:
Weitere Artikel (auf Englisch):
The age of flower towers, Financial Times
The Vertical Forest and New Urban Comfort, Harvard Design Magazine
- Noch freie Plätze: Tarnen wie ein “Chamäleon” – Naju Thüringen
- Natur hautnah erleben – Wildlife-Waldleben Veranstaltungen der NAJU Thüringen
- "Braunes Haus": Nutzung untersagt
- Faire Mieten und die Politik – auch Jena eine Luxus-City?
- Über den Streit um wahre Männlichkeit – Vortrag zum Klerikerzölibat
Einen Kommentar schreiben
9 Reaktionen zu “Corbusier hoch zwei”-
Erik
Am 3. Februar 2012 um 19:26 Uhr
Dank und Respekt, Jean, für Ihre ausnahmslos anregenden und den Blick weitenden Beiträge.
Diesen empfinde ich als besonders anregend.Stimme zu / Lehne ab:
9
0 -
Simon Sachse
Am 5. Februar 2012 um 00:31 Uhr
Das ist sicher eine interessante Idee, obwohl ich gern wüsste, wie man eine stetige Bewässerung der Pflanzungen auch in trockenen Sommern realisiert. Das stelle ich mir nicht ganz einfach vor.
Für Jena wäre ja schon viel gewonnen, wenn man nicht ohne Not Grünflächen betonieren würde. In den letzten Jahren sind in der Innenstadt jede Menge grüne Zonen vernichtet worden, obwohl man gar keine Wohnungen gebaut hat – vor dem Kino, am Turmsockel, im Faulloch … Bäume würden nicht mehr Lauffläche wegnehmen als etwa die ausnehmend hässlichen Blumenkübel eichplatzseitig an der Neuen Mitte. Aber Bäume und Rasenflächen erfordern im Gegensatz zu Beton Pflege. Verursachen also Kosten.
Es fehlt grundsätzlich an der Einsicht, dass das ökonomisch nutzlose Grünzeug ein wesentlicher Faktor für die Attraktivität der Stadt ist.Hot debate. What do you think?
12
0 -
jenenserin
Am 5. Februar 2012 um 14:41 Uhr
wohnen und gärtnern muß sich nicht ausschließen. Bei dem Artikel “Kleingärtner fordern den Erhalt Ihrer Gärten” habe ich schon einen Kommentar verfaßt, dass wir die Chance haben beides miteinander zu verknüpfen. Alle wollen schön und bezahlbar wohnen, nicht alle haben Lust auf gärtnern. Es muß ja kein Hochhaus sein, aber bis 3 geschossige Wohnbauten wo dazwischen etwas abgeschirmt jemand Gärten pachten kann muß doch möglich sein. Man braucht nur clevere Architekten und die haben wir z.B. nebenan in Weimar, lassen wir doch den Studenten mal freien Lauf.
Stimme zu / Lehne ab:
3
5 -
Tut Tut
Am 5. Februar 2012 um 21:12 Uhr
Unterhalb des Jenzig brauchen wir Stellplätze mit Elektroanschluss zur Beruhigung unseres grünen Gewissens.
Gleichfalls brauchen wir hochwertige Wohnungen und EFH Plätze für Spitzenkräfte aus Wirtschaft und Forschung.
Der öffentliche Nahverkehr jedenfalls wird niemals dahin fahren.
Stimme zu / Lehne ab:
6
1 -
jenenserin
Am 30. März 2012 um 08:12 Uhr
das können wir doch auch auf den eichplatz bauen
Stimme zu / Lehne ab:
7
1 -
Jean
Am 17. Mai 2012 um 09:17 Uhr
@ Simon Sachse
Was die Frage der Bewässerung betrifft – ich kenne auch nur diese schematische Darstellung:
http://www.stefanoboeriarchitetti.net/wp-content/uploads/2010/03/03-Bosco-verticale.jpg
Brauchwasser wird im Keller gesammelt und mit regenerativer Energie in einen Kreislauf gepumpt, der die Pflanzen über Tröpfchenbewässerung versorgt. Boeri hat sich letztens dazu geäußert:
360°: Wie kann ein solches Gebäude funktionieren? Braucht man nicht eine Menge und Wasser zum Transport und Entwässerungssysteme und Pumpen? Bedingt das nicht einen hohen Energieaufwand?
Stefano Boeri: Eine sorgfältige Analyse und Berechnung des Bewässerungsbedarfs hat es uns ermöglicht, die optimale Bedarfsmenge zu ermitteln. Der Verbrauch an Wasserressourcen wurde dabei soweit wie möglich reduziert und der Bewässerungsbedarf der Pflanzen auf der Grundlage der Ausrichtung der Fassade und der Verteilung der Vegetation ermittelt. Das System der hängenden Grünflächen verwertet für die Klimatisierung des Gebäudes Wasser, das aus anderen und unterschiedlichen Nutzungen – Klimatisierung unter Verwendung von Grundwasser – stammt. Gleichzeitig senkt die Schattenwirkung der Bäume die Temperatur der Fassade um zwei Grad und verbessert dadurch die Effizienz des Energieaustausches.
360°: Wie erfolgt die Pflege der zahlreichen Bäume und Büsche? Im Sommer ist sicher die tägliche Bewässerung erforderlich, und im Herbst fällt das Laub?
Stefano Boeri: Für all das ist eine zentralisierte Wartung vorgesehen. Jeder, der die Terrasse erwirbt, wird anteilig Eigentümer der Pflanzen in den Hängegärten und kommt mit den anderen Mietern oder Eigentümern für die Wartungs- und Betriebskosten auf. Außerdem ist eine Tropfenbewässerungsanlage 24 Stunden durchgängig in Betrieb.
http://www.wini-360grad.de/single/article/architekt-stefano-boeri-architektur.html
Stimme zu / Lehne ab:
3
0 -
Simon Sachse
Am 18. Mai 2012 um 14:09 Uhr
Danke für die Erklärung. Ich finde die Sache grundsätzlich schön. Zweifeln lassen mich allerdings die begrünten Flächen auf der Neuen Mitte. Da sollte man eigentlich bei schönem Wetter draußen sitzen und Kaffee trinken können, wenn ich mich recht entsinne. Heute ist der Zugang versperrt, und der Zustand der Dachterrasse eignet sich für Endzeitfilme. Ich wollte, ich könnte daran glauben, dass beim nächsten Mal alles viel besser wird.
Fundstück des Tages:
http://karte.immobilien-kompass.de/wohnen/jena/beschreibung.html#details
“Capital” warnt davor, in Immobilien in Jena zu investieren, weil durch Neubau und Bevölkerungsrückgang die Preise fallen werden. Ob die Einwohnerzahl wirklich sinkt, sei dahingestellt. Fakt ist, dass an der Uni jetzt die schwachen Jahrgänge der Nachwendekinder ankommen. Sondereffekte wie doppelte Abi-Jahrgänge im Westen und die Abschaffung der Wehrpflicht sind einmalig. Und danach?
Dass heute Wohnungen fehlen, ist unbestritten (und man fragt sich, warum dann über Jahre das ehemalige Arbeitsamt leer stehen musste). Aber morgen? Es gibt mir zu denken, wenn man von Investitionen abrät. Die Rendite der Anleger ist mir zwar mehr als wurscht, aber was wir heute zubauen, ist morgen immer noch zugebaut. Also lieber was Schönes bauen, als auf Teufel komm raus ein hässliches Renditeobjekt.Stimme zu / Lehne ab:
5
0 -
TomWed
Am 18. Mai 2012 um 15:58 Uhr
Zum Fundstück des Tages stand neulich was in der Zeitung. Das Problem ist eben m.E. (auch im Hinblick auf das ehemalige Arbeitsamt): Jena ist eine kleine Wachstumsinsel in einem großen schrumpfenden Umfeld. Ostthüringen und südliches Sachsen-Anhalt sind wohl die am stärksten schrumpfenden Regionen in Deutschland. Wer nur die Region betrachtet (Banken tun das m.W. oft), bekommt den ganz falschen Eindruck. Mich wundert nicht, dass lange niemand für das ex- Arbeitsamt eine Finanzierung bekommen hat.
Die Meinung ist eher: Warum sind die Leute so dusslig und kaufen oder mieten nicht in Pößneck, Rudolstadt oder Naumburg, wo beste Wohnungen in großer Zahl leer stehen; 35 km Weg gelten als Katzensprung. (In Naumburg war ich vor Monaten: sanierte Villen in bester Jenaer Westviertel-Qualität. Einfach so zur Zierde da, völlig ohne Nutzung.) Auch noch: es kursieren Bevölkerungsprognosen von vor 5 oder 8 Jahren (auch in aktuellen Veröffentlichungen), die für Jena einen scharfen Bevölkerungsrückgang bis 2020 vorhersagen, auf ca. 90.000 Leute. Bringe erstmal jemandem bei, dass das plötzlich nicht mehr stimmt und sich alle wissenschaftlichen Kapazitäten in der Hinsicht vertan haben. Okay, in 8 Jahren wissen wir mehr.
Stimme zu / Lehne ab:
3
0 -
Anne
Am 18. Mai 2012 um 19:55 Uhr
Der Immobilienmarkt ist kein starres Gebilde, Thema Bevölkerungsrückgang. Entscheidend für eine langfristige Vermietung mit einem für Investoren stabilen Mietzins ist die Lage einer Immobilie und deren Ausstattung. Niemand braucht Angst haben, dass in Jena sein Neubau: – energieeffizent, mit schönem Balkon oder Terasse inkl. ständiger Instandsetzung und Modernisierung – leer steht. Er wird auch in 10 Jahren noch 9 € kalt und mehr (alleine durch Inflation) erzielen können, da es genügend Jenaer gibt , die Geld für schönes Wohnen ausgeben können. Wenn Wohnungen leer stehen sollten, ist dies in erster Linie in Lobeda, Winzerla sowie im billig sanierter Altbau in der Innenstadt mit hohen Nebenkosten und ohne Balkon. Es gibt auch Lagen in Gera, wo man gerne 7 € je m² für eine schöne 100 m² Wohnung zahlt. Ich selbst kenne einen Investor der sich auf diesen Markt in Gera spezialisiert hat, weil andere Investoren vor Gera Angst haben. Wie in jeder Stadt gibt es auch in Jena nur eine Kaufentscheidung Lage, Lage , Lage und da gehört mit Sicherheit nicht die Ringwiese neben dem Bahndamm dazu, wo einige Leute viel Geld ausgeben, was sie nie mehr wiedersehen werden. Auch teilsanierte Altbauwohnungen ohne Balkon und Fahrstuhl wird es bei einem Einwohnerrückgang schwer haben, vor allem hohe Betriebskosten treiben hier die Kaltmiete in Zukunft nach unten. Also braucht kein Investor Angst vor leeren Wohnungen oder fallenden Mieten haben, wenn er sich egal in welcher Stadt, für die richtige Lage entscheidet. Lieber am Anfang etwas mehr für ein Grundstück ausgeben, wie das Geld später bei sinkenten Mieten oder geringeren Verkaufspreisen zu verlieren.
Zu dem grünen Hochhaus, längst ist hier das Ausland schon weiter wie Deutschland. Es gibt Terrassenhäuser mit viel grün, Hochhäuser nach dem Termitenprinzip, mit geringen Betriebskosten und man baut Häuser neben Baumalleen, da es nachgewiesen ist, dass Grün das Mikroklima der Städte positive beeinflußt, insbesondere den Hitzestau unterbindet.
Hier haben die Grünen in Jena total versagt.
Stimme zu / Lehne ab:
6
0






