Keine bunten Bilder von der geplanten Multifunktionsarena |

Keine bunten Bilder von der geplanten Multifunktionsarena

ernst abbe sportfeld

Jena. Gestern am späten Nachmittag tagten der Sozial- und der Stadtentwicklungsausschuss in der Rathausdiele. In dem öffentlich verhandelten Punkt wurde zum ersten Mal der Stand zur polyvalenten Multifunktionsarena bekannt gegeben. Über eine halbe Stunde stellte Dr.-Ing. Heiner Peschers, einer der Geschäftsführer der Institut für Sportstättenberatung GmbH (IFS) das umfangreiche Projekt vor. Auch die Fragestunde dauerte länger als die vorgesehenen 30 Minuten. Obwohl „keine bunten Bildchen“ von der künftigen Arena gezeigt wurden, wurden erstmals Zahlen sowie Chancen und Risiken der Öffentlichkeit und den Stadträten vorgestellt. Zum Vergleich: in Erfurt – ebenfalls von IFS begleitet – ist man weiter. Dort weigerte sich vor allem die CDU-Stadtratsfraktion, einen Beschluss zu fassen, ohne ein Konzept mit den erwarteten Fakten auf dem Tisch zu haben.

Zur Vorgeschichte:

Vor fast genau einem Jahr wurden Jena und Erfurt mit dem Vorschlag des Wirtschaftsministers Matthias Machnig (SPD) – in Weimar – überrumpelt, aus den betagten und sanierungsbedürftigen Dritt-Liga-Fußballstadien moderne, polyvalente Multifunktionsarenen zu gestalten. Für diese Art von Tourismusförderung gebe es von der Europäischen Union die fast schon unglaubliche Förderung von bis zu 90 Prozent. Oftmals wurde das „bis zu“ geflissentlich überhört, man sprach in beiden Städten – fraktionsübergreifend – von Ostern und Weihnachten zugleich. Damit wurde auch gleich ein Risiko benannt – Was ist, wenn die Förderbedingungen nicht erreicht werden? Muss zurück gezahlt werden? Und wenn ja, in welchem Umfang. Diese Bedenken werden oft von den Verantwortlichen zerstreut:

  1. Wer prüft die Zahl der Touristen tatsächlich? – Unter Touristen versteht man alle Menschen, die aus einer Entfernung von mehr als 30 Kilometer Umkreis kommen.
  2. Wenn Fördermittel zurück gezahlt werden müssen, dann nur ein kleiner Teil, nie der ganze Betrag.

Der Anteil der Touristen müsse „nennenswert“ sein, nicht in Besucherzahlen ausgedrückt, so Peschers in seinem Vortrag. Eine Bedarfsanalyse für Jena habe ergeben, dass es ein „Angebotsdefizit an multifunktionalen Veranstaltungsräumen in hochwertiger Ausstattung“ für 400 bis 2 000 Personen gebe. So werden gerade Veranstaltungsräume zum Beispiel im Hotel Esplanade zurück gebaut. Mit dem „Berliner Saal“ fehle jetzt ein solches Angebot für Tagungen für größere Unternehmen, die dann in andere Städte ausweichen müssten. In unmittelbarer Nachbarschaft, in Weimar, ist die Weimarhalle ein Subventionsobjekt, auch die Messe Erfurt wird durch den Steuerzahler gestützt. Mit beiden Städten gibt es durch die Metropolregion eine Kooperation – an dieser Stelle hat es den Anschein, dass diese nur auf dem Papier besteht.

Am 28. Februar wurde der Förderantrag beim Thüringer Wirtschaftsministerium abgegeben. Es fehlt allerdings ein wichtiges Kapitel: Das Wirtschaftskonzept, eine „Zahlenkolonne“, das vom Wirtschaftsberatungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers (PwC) gerade erarbeitet wird. So konnten gestern keine belastbaren Kosten für den Betrieb und den Unterhalt vorgestellt werden. Das Nutzungskonzept sieht 36 Sportveranstaltungen und 3,5 Kulturveranstaltungen/Public Viewing im Jahr vor. Man rechnet dabei mit einer Großveranstaltung in zwei Jahren. Außerdem sollen 45 Firmen Tagungen, Seminare oder Ähnliches in der Arena abhalten, 10 gesellschaftliche Veranstaltungen und 12 Unterhaltungsveranstaltungen sowie 6 Ausstellungen im Jahr stattfinden. Insgesamt kommt man auf 112,5 Veranstaltungen pro Jahr. Selbstverständlich darf der Fußball auch nicht zu kurz kommen: 20 Spiele sind für den FC Carl Zeiss Jena angesetzt, für den FF USV Jena 15, und für den Fußball-Nachwuchs ein Spiel im Jahr. Eine Großveranstaltung wird neben 10 Kleintagungen als wahrscheinlich angesehen, also Privatfeiern oder Parteiversammlungen. Außerdem soll hier viermal im Jahr eine Discoveranstaltung die Touristen anlocken. Die Schätzung wurde in Zusammenarbeit mit Jenakultur erstellt – es gibt nur keine vergleichbare Situation – lediglich Heidenheim könnte als Pate für das Konzept dienen. Dort gebe es ein gleich großes Stadion mit einem Drittliga-Verein, der Wirtschaftsraum mit starken mittelständischen Unternehmen sei jedoch mit Jena nicht vergleichbar, so Dr. Peschers. Nur die sportlichen Leistungen des FC Carl Zeiss Jena machten den Planungen einen Strich durch die Rechnung: Für einen Viert-Liga-Verein ist ein solches Konzept neu. Und eine Zahl erstaunte die Gäste: Der FC Carl Zeiss Jena wird jährlich mit 800 000 Euro seitens der Stadt unterstützt.

Geplant ist, aus dem Ernst-Abbe-Sportfeld eine (noch namenlose) Multifunktionsarena durch folgende Maßnahmen zu entwickeln:

An der Westtribüne werden lediglich Sanierungsarbeiten vorgenommen, die Süd- und Nordtribüne werden mit 6 000 und 1 000 Stehplätzen am Spielfeldrand neu errichtet. Die Osttribüne wird multifuntional ausgestattet: Hier sollen 4 000 Stehplätze eingerichtet werden, 1 000 „business seats“, 10 Logen und 2 Eventlogen eingebaut werden. Es wird zudem ein Business club mit 2 400 Quadratmeter Fläche dort geplant. Dafür muss die Leichtathletik-Anlage weichen. Mit der Universität sowie den betroffenen Leichtathleten wurde noch nicht abschließend gesprochen. Direkt vor dem Sportfeld soll ein VIP-Parkplatz entstehen. Für die zahlreichen Touristen wird auf dem ehemaligen Kaufland-Parkplatz ein Parkhaus mit sechs Etagen für 600 Fahrzeuge, aber mit genügend freien Flächen zur weiteren Entwicklung, entstehen.

Vor einem Jahr dachte niemand an solche Konzepte. Es schwebte ein Ausbau des Stadions für Veranstaltungen vor. Durch verschiedene Wünsche seitens der Eigenbetriebe Jenakultur und in geringem Maß von KIJ für ein Zweit-Liga-taugliches Stadion mit der Möglichkeit, hochwertige Veranstaltungen in Jena durchzuführen, schossen die Kosten in die Höhe. Von 2011 durch den Wirtschaftsminister angesetzten 22,45 Millionen Euro für den Gesamtumbau stehen 34,45 Millionen Euro nur für das Stadion (29,42 Millionen Euro), die Zuwegung vom Parkplatz zur Arena (170 000 Euro), für das Parkhaus (4,85 Millionen Euro) und für die Nebenkosten des Bauherren (1,85 Millionen Euro) auf dem Papier. Nicht eingerechnet sind die Kosten für den Bau einer neuen Leichtathletikanlage zwischen Sportgymnasium und dem Institut für Sportwissenschaften, die bei 3 Millionen Euro liegen. Finanzdezernent Frank Jauch (SPD) sieht diese Zahlen sportlich. Er will sich nicht mit der 2011 vorgeschlagenen Summe zufrieden geben und beantragt 27 Millionen Euro Förderung vom Land, wobei er davon ausgeht, dass das Parkhaus nicht in Gänze förderfähig ist. Schließlich ist ein solches Veranstaltungsangebot ein weicher Standortfaktor für Unternehmen.

Chancen sehen die Wirtschaftsberater in der Deckung der Versorgungslücke im Bereich von 400 bis 2 000 Personen und in der Zukunftssicherung durch eine geringe Finanzbelastung der Stadt. Der städtische Investitionsanteil könne durch Abschreibung der Verwertung der Namensrechte refinanziert werden. Die Risiken werden in der Erfüllung der Vorgaben der Förderung und in der Konstanz der Fußballnutzung gesehen. Außerdem muss das Betreiberkonzept erfolgreich umgesetzt werden. Wenn durch das Beratungsunternehmen PwC der Wirtschaftsplan beim Wirtschaftsministerium vorgelegt wird, kann ein Bebauungsplan durch den Stadtrat beschlossen und die Planungsphase 2 ausgelöst werden. Die EU hat den Förderzeitraum bis zum Ende 2013 begrenzt – ob der Umbau wie geplant bei laufendem Betrieb in dieser knappen Zeit bewerkstelligt werden kann, ist offen.

Die Vorstellung des Projekts durch Dr. Peschers sowie die Fragen und Statements u.a. von Leichtathletik-Vereinspräsident Bernd Jurke und FC-Präsident Reiner Zipfel können Sie hier nachvollziehen. Am Anfang der Aufnahme gibt es kleine Tonprobleme, die durch technische Ursachen vor Ort bedingt waren. (tn)