Bahnland Thüringen?: Ölsardinen zwischen Jena und Weimar |

Bahnland Thüringen?: Ölsardinen zwischen Jena und Weimar

Regionalbahn (Bild: Andreas Müller) CC-BY-SA-3.0-DE / http://commons.wikimedia.org/wiki/File:440_524_Donauw%C3%B6rth.JPG?uselang=de

Jena/Weimar. Am Dienstag (25. September 2012) war es mal wieder soweit: Pendler, die um 17.38 Uhr am Bahnhof Jena-West in den RE in Richtung Weimar und Erfurt einstiegen, wurden von einem einzigen (!) Zugteil überrascht. Und das zur Hauptverkehrszeit, wenn drei Zugteile angemessen wären. Dies hatte zur Folge, dass sich v.a. in den Eingangsbereichen Personen, Fahrräder, Kinderwagen u.ä. extrem zusammenpferchen mussten. Am Ende quetschten sich nur noch Hartgesottene in den überfüllten Zug hinein.

Als Berufspendler (Jena-Weimar) habe ich immer noch nicht verstanden, nach welchen Gesetzen sich die Anzahl der Zugteile im Vorfeld berechnen lässt. Die Zugreisenden sind offensichtlich der Willkür der Verantwortlichen bei der Bahn bzw. der Anfälligkeit der Triebwagen ausgeliefert. Mit wie vielen Zugteilausfällen kalkuliert die Bahn eigentlich? Einen Ausfall pro Jahr würde ich mir gefallen lassen, aber bitte nicht in dieser Häufigkeit.

Ein Kollege hat beim Zustieg in Oberweimar schon mehrmals sein Fahrrad kurzerhand in die Büsche geworfen, da ein Zustieg mit dem Fahrrad in den Kurzzug nicht möglich war. Eine Anzeige/Ansage gibt es dort ja nicht, aber selbst an den größeren Bahnhöfen wie Weimar oder Jena-West wird nicht auf die Kurzzüge hingewiesen. Dort gibt es auch keine Büsche, so dass man mit dem Fahrrad im Bahnhof alt aussieht, wenn ein kurzer Zug kommt.

Peinlich, wenn auch noch Gäste bzw. Reisende von außerhalb diese Bedingungen miterleben und mitertragen müssen. Ein echter Standortnachteil für die „Perlenkette“ Thüringens und insbesondere auch für die Hochschulen in Erfurt, Weimar und Jena. Wenn dann noch in einer Pressemitteilung des Thüringer Verkehrsministeriums verkündet wird „Thüringen ist ein Bahnland“, fühlt man sich als Vielnutzer auf den Arm genommen.

Auch am Mittwoch (26. September) exakt die gleiche Szene in Jena-West:

Um 17.38 Uhr fährt wieder ein einzelnes Regional Express-Zugteil ein, der Anblick löst auf dem Bahnsteig unter den gut 120 reisewilligen Personen Unruhe und Gemurmel aus. Der Zug ist bereits bei der Ankunft gut gefüllt. Die 120 Personen teilen sich auf die drei Türen auf und pressen sich in den Zug. Im Zug herrschen dann entsprechende Bedingungen, die u.a. für Tiertransporte nicht zulässig wären. Es gibt immer wieder neue abenteuerliche Erlebnisse. Heute z.B. ein Fahrgast, der Schwierigkeiten hat, die Toilette zu verlassen, da der Gang mit Fahrgästen gefüllt ist. Die Reisenden ertragen die Fahrt mit Fassung. Wie in anderen Extremsituationen entsteht ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Betroffenen. Jedenfalls freuen sich alle auf die Ankunft und das Aufatmen, wenn die Bahnfahrt ohne Blessuren überstanden ist.

Folgende Fragen richte ich an die zuständigen Stellen:

  1. Sind zwei Tage in Folge mit einem Zugteil für die Hauptverkehrszeit auf der MDV die Ausnahme oder die neue Regel?
  2. Welche Bedingungen haben wir „Clever-Pendler“ erst zu erwarten, wenn das Wintersemester in wenigen Wochen beginnt?
  3. Wie könnte man die Leute erreichen, die sich bereits vom ÖPNV abgewendet haben, also die Nichtnutzer? An der B7 die Autofahrer anhalten und befragen? (Ich gehe davon aus, dass das Nutzungspotential der MDV deutlich größer ist als die aktuellen Fahrgastzahlen, dieses Potential aber derzeit bei weitem nicht ausreichend bedient werden kann.)
  4. Wann stehen endlich die 50 Millionen Euro für den Ausbau der MDV bereit?
  5. Bis es soweit ist: Warum können z. B. um 17.38 Uhr nicht grundsätzlich DREI Zugteile von Jena-West in Richtung Erfurt fahren? Der Bahnsteig in Jena-West ist doch noch (!) lang genug.
  6. „Bahnland Thüringen“ – Wo ist das genau zu finden? Oder ist es doch nur ein (Auto-)Bahnland?

Michael Freitag, Weimar

(Die Fragen richtete Michael Freitag per Mail an das Thüringer Ministerium für Bau, Landesentwicklung und Verkehr, die Nahverkehrsservicegesellschaft Thüringen mbH, den Verkehrsverbund Mittelthüringen und die Deutsche Bahn)

17 Kommentare zu "Bahnland Thüringen?: Ölsardinen zwischen Jena und Weimar"

  1. Auch ich musste 2 Jahre lang zwischen Jena und Weimar pendeln und ich bin heilfroh, dass diese Quälerei vorbei ist.
    Situationen wie diese sind keineswegs Ausnahmeerscheinungen. Wie abenteuerlich es immer war, sich eingequetscht auf den Beinen zu halten, ohne sich irgendwo festhalten zu können, weil man im Einstiegsbereich zwischen glatten Wänden eingekeilt war. Und wie spannend abzuwarten, wie man aus dem Zug denn wieder rauskommt- und wenn ja, in wie vielen Einzelteilen….


    Kommentar melden
  2. Veit schmeißer | 29. September 2012 um 09:27 |

    so lang die schwarzen Thüringen regieren, wird sich da nichts ändern – die sehen die Bahn als notwendiges Übel an.
    In der NVS sitzen durchaus kompetente Leute, aber wenn sie kein Geld für Bahnverkehr bekommen vom Land weitergereicht bekommen…
    P.S. Der exakte Begriff für die 612er heißt Kotzbüchse


    Kommentar melden
  3. @ Markus Göpfert

    Was bin ich froh dass die 612er nicht mehr gebaut werden. Diese lauten, wackelnden Kisten sollten verboten werden. Zu tiefster DDR-Zeit bin ich nicht in so widerlichen Zuständen Bahn gefahren wie heute in diesen Zügen. Ständig wird einem übel da drin, manchmal schon nach 2 Kurven. Die Züge schrubben die Gleisanlagen kaputt weil schneller gefahren wird als ohne Neigetechnik zugelassen wäre, die Physik aber weiterhin die Querkräfte ans Gleis abgegeben wissen will. Irgendwann hauts so einen 612er mal in voller Fahrt raus, „idealerweise“ natürlich bei Kraftsdorf den Abhang runter. Dann kommt die Region mal ins Fernsehen. Übergelaufene Toiletten, Wasserfälle von der Wagendecke und ähnliche Spässe sind ja ohnehin standardmässig. Der Einstieg ist für jede in der Mobilität eingeschränkte Person ein Abenteuer. Jeder „lange Halberstädter“ (vor der Reko) war hingegen purer Fahrkomfort.

    Die Regioshuttles der EiB sind hingegen nett, aber durch die gewählten Sitze und deren Abstand grauenvoll. Der Einsatz älterer RS zeigte deutlich den Unterschied: Reisebus gegen Viehtransporter. Für die Jena-Strecke hat man Viehtransporter-Bestuhlung gewählt.

    Ich bin froh hier nicht mehr so oft Bahn fahren zu müssen.


    Kommentar melden
  4. stefan.lange | 28. September 2012 um 20:38 |

    Nicht vergessen, die Plätze in den Zügen bestellt das Land, da will uns bestimmt ein Erfurter eins auswischen !
    Aber was den Wohnraum betrifft, haben die Studenten bald freie Auswahl. Es entstehen z.Z. mehrere Studentenapp. Magdelstieg, Lutherstraße , Jena Nord gleich 2 Wohnanlagen. Unter anderem erhalten wir Unterstützung aus Gera. Hier baut eine Wohnungsgenossenschaft ca. 200 Ap.
    Die Studenten in Jena haben eigentlich weniger Probleme Wohnraum zu finden. Probleme haben verstärkt Familien mit 2 und mehr Kindern. Aber wenn schicke Studentenap. fertig werden, werden vielleicht in der Innenstadt die abgewohnten 4-Raumwohnungen frei, die man jetzt als WG mißbraucht.


    Kommentar melden
  5. Tja das ist halt der Unterschied, die Landeshauptstadt hat ja dahingehend nicht viel zu bieten. Kommt da etwa Neid auf, anders kann ich ihre dümmlichen Kommentare auch zu anderen Themen nicht deuten.


    Kommentar melden
  6. Aus der Landeshauptstadt | 28. September 2012 um 20:16 |

    Liebe Freunde in dr Wissenschaftsmetropole :-)
    Wenn Ihr eure Hochschulen immer bis unters Dach vollknallt, und nicht genügend adäquaten Wohnraum beschaffen könnt, müßt ihr mit derartigen Folgen rechnen…


    Kommentar melden
  7. Es ist aber ein Armutszeugnis für Thüringen, wenn auf ihrer wichtigsten Strecke die Reisenden nicht mehr in den Zug kommen, während woanders heiße Luft durch die Gegend gefahren wird. Auch dürfte niemanden interessieren, warum und wo Fahrzeuge fehlen. Das es sich nicht um einen Einzelfall handelt weiß ja mittlerweile jeder Pendler auf dieser Strecke, da liegt es schon am Aufgabenträger das eine spürbare Verbesserung eintritt.


    Kommentar melden
  8. Nichts anderes hatte ich von der NVS erwartet. Allgemeines Bla-Bla. Die Ad-hoc-Situationen scheinen hier ständig zu wirken (will die konkrete Situation an diesem Tag aber nicht in Abrede stellen). Nur wenn an den Folgetagen weitere Einheiten fehlen kann man sich schon fragen, ob hier wirklich mit 0 Reserve gefahren wird.


    Kommentar melden
  9. Michael Freitag | 28. September 2012 um 13:50 |

    Heute erhielt ich folgende Antwort von NVS (Nahverkehrsservicegesellschaft Thüringen):

    …Vielen Dank für Ihre Nachricht vom 26.09.2012. Ihre Beschwerde haben wir zur Kenntnis genommen und noch einmal DB Regio separat um die Bearbeitung der Beschwerde gebeten.

    Weiterhin wurde uns von DB Regio mitgeteilt, dass es sich bei beiden Problemen um Ad-hoc Probleme handelte. Zum einen bedingt durch den Ausfall eines Bremsrechner in einem der eingesetzten Fahrzeuge sowie zum anderen durch den Ausfall einer Türsteuerung, so dass die Türen nicht mehr bedient werden konnten und versperrt waren. In Folge dessen mussten Fahrzeuge abgehängt und Leistungen mit verminderter Kapazität erbracht werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr NVS-Team


    Kommentar melden
  10. Michael Freitag | 27. September 2012 um 22:45 |

    Hallo,

    um .38 fahren in J-West die Regional-Express-Züge (DB Regio) in Richtung Weimar/Erfurt ab und um .16 die Erfurter Bahn-Züge (vorher RB). Es fahren also abwechselnd DB- und EB-Züge, bis auf weiteres in dem unglücklichen 22/38 min-Takt.

    Grüße

    Michael Freitag


    Kommentar melden
  11. @ susi.töpfer (14.35 Uhr): Genau so ist es, du hast es erfasst. Das Land (NVS) bestellt.

    Wenn es ein DB-Zug ist, kommt noch hinzu: Der Vertrag zwischen Land und DB ist vor reichlich 10 Jahren abgeschlossen worden, wahrscheinlich ohne Anpassungsklausel bei schwankender Nachfrage. In der Zeit kann sich aber viel tun. Damals hatte die Bahn (egal welche) hier in der Gegend noch Mühe, überhaupt einigermaßen Kundschaft zu finden, die Züge fuhren sehr oft Luft spazieren. Heute sieht es zumindest teilweise anders aus. (Wobei in der Ecke um Gera heute mehr Luft in den Zügen als damals ist, würde ich sagen.)


    Kommentar melden
  12. Aber bitte doch vorher erkundigen. Wenn es um den Zug um 17:38 Uhr ab Jena geht ist es ein Zug der DB Regio und nicht der Erfurter Bahn.
    Zu den Umständen mit Fahrrad in Oberweimar wäre nun die Erfurter Bahn zuständig, da sie die „alte“ Regionalbahnlinie seit Juni betreibt.
    Der Zustand auf der am Reiseaufkommen höchst frequentierten Strecke in Thüringen ist nicht mehr haltbar.
    Aber auch hier sieht man wieder wie blauäugig Cariusb und die NVS agieren.


    Kommentar melden
  13. Nun, wenn jemand sich nach alten Zeiten sehnt, kann er ja mal mit dieser Bahn fahren. Warum erinnert mich dies an die alten DDR-Zeiten mit Staatsbetrieben und Parteikadern ??? Dreht sich etwa das Rad jetzt rückwärts ?


    Kommentar melden
  14. susi.töpfer | 27. September 2012 um 14:47 |

    Ach fährt hier schon die Erfurter Bahn ? Ein reines Privatunternehmen ist dies aber auch nicht. Gehört nicht die Erfurter Bahn der Stadt Erfurt , diese ist doch Gesellschafter.
    Unsere Landeshauptstadt läßt also grüßen . Nicht nur, dass wir vom Fernverkehr abgeschnitten werden, jetzt müssen wir noch um einen Mindeststandard beim Nahverkehr kämpfen.


    Kommentar melden
  15. tja wenn man den zuschlag für diese strecke einem unternehmen gibt, das zur übernahmezeit gerade einmal einen dafür geeigneten triebwagen hat und deshalb permanent züge bei anderen bahnen mieten muss, sollte man sich nicht wundern. die bahn als solches ist hier nicht schuld – eher die erfurter bahn bzw. das ministerium, das die strecken verteilt.


    Kommentar melden
  16. susi.töpfer | 27. September 2012 um 14:35 |

    Wir haben ja hier Bahnspezialisten, kennt sich da jemand aus ?


    Kommentar melden
  17. susi.töpfer | 27. September 2012 um 14:35 |

    ich hatte mich einmal informiert, weiß nun aber nicht ob die bekommene Aussage stimmt. Die Anzahl der Plätze wird demnach bestellt vom Land Thüringen bei dem jeweiligen Bahnbetreiber. Werden also 200 Plätze bestellt, kommt auch nur ein Zug mit 200 Plätzen. Demnach wäre diesmal die Bahn selbst unschuldig. Weiß das aber nicht 100 %, da ich auch nur von Informationen Dritter abhängig bin.


    Kommentar melden

Kommentare sind deaktiviert.