Gute Arbeit, gute Arbeitszeit? : Thüringen mit Spitzenplatz bei geleisteten Arbeitsstunden |

Gute Arbeit, gute Arbeitszeit? : Thüringen mit Spitzenplatz bei geleisteten Arbeitsstunden

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Erfurt. „Die Menschen in Thüringen arbeiten länger als in fast allen anderen Bundesländern. Wer künftig Fachkräfte im Unternehmen halten will, muss deutlich attraktivere Arbeitsbedingungen und vor allem auch attraktivere Arbeitszeiten anbieten“, sagte Renate Licht, DGB Landesvorsitzende anlässlich des „Welttags für menschenwürdige Arbeit“ am 7. Oktober 2012.

Die repräsentative Umfrage des DGB-Index Gute Arbeit belegt, dass die Belastung durch Arbeitszeit in Thüringen immer mehr angestiegen ist. 67 Prozent (bundesweit: 63 %) der Beschäftigten müssen seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten. Die Belastungen werden als sehr hoch eingeschätzt. Sechzig Prozent der Beschäftigten (bundesweit: 52 %) fühlen sich sehr häufig gehetzt und stehen unter Zeitdruck. Neunzehn Prozent leisten pro Woche zehn oder mehr Überstunden (bundesweit: 20 %). Achtzehn Prozent (bundesweit: 15 %) arbeiten sogar oft oder sehr häufig in der Freizeit für ihren Betrieb. 68 Prozent sind gezwungen länger zu arbeiten, als im Arbeitsvertrag vorgesehen ist.

Insgesamt ist die individuelle Arbeitszeit zu lang. Im bundesweiten Ländervergleich belegt Thüringen einen Spitzenplatz bei den geleisteten Arbeitsstunden je Beschäftigten. Nur in Sachsen-Anhalt wird mit neun Stunden länger gearbeitet als in Thüringen. 2011 musste jeder bzw. jede Beschäftigte im Durchschnitt 1.454 Stunden arbeiten, das waren 165 Stunden mehr als in Rheinland-Pfalz und 115 Stunden mehr als im bundesweiten Durchschnitt.

Trotz Fachkräftebedarf setzen die Thüringer Unternehmer immer noch auf unattraktive Teilzeitstellen. 2011 waren 44 Prozent der neuen Stellen Teilzeitstellen. Mit einer Teilzeitquote in Höhe von 18,3 Prozent ist fast jeder fünfte Arbeitsplatz ein Teilzeitarbeitsplatz. Insbesondere die Tätigkeiten in Teilzeit mit geringer Stundenzahl wurden stark erhöht. So sind die Beschäftigungsverhältnisse mit bis zu 14 Stunden in der Woche 2011 um 10 Prozent angestiegen. Teilzeit ist weiblich. 84,3 Prozent aller Teilzeitstellen entfallen auf Frauen. Für die Beschäftigten ist die zu geringe Stundenzahl, die häufig mit Niedriglohn verbunden ist, eine hohe Belastung ohne Aufstiegschancen. Die Tätigkeiten in Teilzeit entsprechen nicht den individuellen Beschäftigungswünschen und sind überwiegend unfreiwillig.

Viele Unternehmen verpflichten ihre Beschäftigten zur Arbeit in Randzeiten jenseits der Kernarbeitszeiten. Das verhindert Teilhabe am gemeinsamen gesellschaftlichen Leben und ist familienfeindlich. Fast die Hälfte der Beschäftigten (48 %) müssen regelmäßig am Samstag ins Unternehmen, 19 Prozent arbeiten in Nachtschicht.

Viele Beschäftigte sind auch gezwungen an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten und das, obwohl das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen grundsätzlich verboten ist. Mit 249.000 abhängig Erwerbstätigen (26 Prozent), die jeweils ständig, regelmäßig oder gelegentlich an Sonn- und Feiertagen zur Arbeit gezwungen sind, wurde ein neuer Rekordwert erreicht. Die Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen ist im Grundgesetz verankert. Auch wenn hohe Anforderungen an eine Ausnahmegenehmigung bestehen, lassen immer noch viele Unternehmen an Sonn- und Feiertagen arbeiten. 2011 wurde nach dem krisenbedingten Rückgang der Sonn- und Feiertagsarbeit in den Jahren 2009 und 2010 das Vorkrisenniveau überschritten.

Beschäftigte müssen selbst aktiv werden. Die Betriebs- und Personalräte haben Mitbestimmungsrechte, gemeinsam mit den Gewerkschaften setzen sie sich aktiv für kollektivvertragliche, humane Arbeitszeitregelungen ein.

„Dauer, Lage und die Verteilung der Arbeitszeiten können und müssen im Interesse der Beschäftigten besser gestaltet werden. Das schließt die bessere Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben, das aktive Vorgehen gegen die die Gesundheit belastende Entgrenzung der Arbeitszeiten, gegen Sonn- und Feiertagsarbeit ebenso ein, wie Ladenöffnungszeiten rund um die Uhr zu Lasten der Beschäftigten im Handel“, sagte Renate Licht abschließend.