Wir in Thüringen können alles nur nicht kreativ! |

Wir in Thüringen können alles nur nicht kreativ!

Das ist Thüringen

Thüringen. Vor mehr als zehn Jahren, genauer gesagt 2001, war „Willkommen in der Denkfabrik“ der witzig gemeinte Werbeslogan für den Freistaat Thüringen. War, denn die meisten konnten Denkfabrik mit Thüringen verbinden. Thüringen, das Land der Dichter und Denker, Bratwürste und Klöße?!

Der schnellste  Serienwagen der Welt mit Straßenzulassung: Ein Gumpert Apollo aus Altenburg in der Image-Kampagne „Das ist Thüringen“. Ende August 2012 stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag.

Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) beauftragte 2011 die Hamburger Werbeagentur KNSK mit einer neuen Image-Kampagne, die auf den Technologie-Standort Thüringen auf Weltklasse-Niveau verwies: Auf „Was ist Thüringen“ folgte am 29. August 2011 im zweiten Schritt „Das ist Thüringen“. Offiziell wurde die Werbekampagne Ende 2011 auf Eis gelegt, als bekannt wurde, dass eine Terrorzelle, die mehr als ein Jahrzehnt durch die Bundesrepublik eine Blutspur zog, in Jena/Thüringen ihren Ausgangspunkt hatte. Inoffiziell wurde gemunkelt, dass auch diese Image-Kampagne ihr Ziel verfehlt hatte Fachkräfte zu halten und zu gewinnen. Auf Plakaten an ausgesuchten Standorten, in Tageszeitungen und vor der „Tagesschau“ kurz vor 20.00 Uhr wurde so auf den kleinen Freistaat aufmerksam gemacht. Umstritten war der Einsatz der ausführenden Hamburger Agentur, weil KNSK auch 1998 den Auftrag für den Wahlkampf der SPD betreute und Matthias Machnig Wahlkampfmanager war.

Jedes moderne Bundesland ist auf Fachkräfte vom Facharbeiter, Ingenieur bis zum Hochschulprofessor angewiesen. Der Export von Fachkräften, die nach wenigen Jahren mit Steuergeldern gut ausgebildet wurden, aber keine Zukunft in ihrem Land sehen, soll gestoppt und möglichst umgekehrt werden. So wirbt nicht nur Thüringen um die klugen Köpfe, sondern beispielsweise auch Bayern. Dort wirb die Bayerische Staatskanzlei mit Kultur um eine Identität. Tradition, Weitergabe, Setzen von „Leuchttürmen“, alles Teile eines Pakets, das zur Stärkung für den Standort Bayern dienen soll. Ein Online-Spiel, bei denen verschiedene Rollen eingenommen und Gegenstände eingesammelt werden müssen, begleitet die bayerische Kampagne. Die Patronin Bavaria betreut dabei den Helden oder die Heldin durch das Abenteuer. Es muss gewählt werden, ob Familie, Bildung oder Erfindergeist an erster Stelle stehen. Kleiner Wermutstropfen für die Bayern: Weil die Fertigstellung für das Spiel ausgeschrieben werden musste, erhielt Takomat aus Köln den Zuschlag. Ein „innerer Gipfelsturm“ sollte erreicht werden, jedoch kam das Online-Spiel bei vielen Nutzern nicht gut an. Dominik Schönleben fragte im Online-Magazin „Vice“, ob es gar das „schlechtestes Spiel der Welt“ sei.

Bayern ist bekannt für das Deutsche Reinheitsgebot von 1516. Wussten Sie aber, dass in Weißensee bei Sömmerda ebenfalls ein solches Reinheitsgebot überliefert ist? 1998 wurde in einem Archiv eine „Statuta thaberna“ entdeckt, die aus dem Jahr 1424 stammt und die Verwendung von „hophin, malcz und wasser“ für das Bierbrauen vorschreibt. Dieses ist nur ein Motiv von 50, das das Thüringer Wirtschaftsministerium zur Zeit verschickt. Weitere, vielfach unbekannte Fakten werden aufgeführt, schließlich „geht‘ s um die Wurst“. Leider enthält die Image-Broschüre weitere Fehler: „Ein New Yorker Wahrzeichen von einem wahrhaftigen Thüringer. Die Brooklyn Bridge“, heißt es auf Seite 9. Johann August Röbling wurde 1806 in Mühlhausen geboren. Heute liegt die  Stadt in Thüringen, damals in Preußen. Der Solarbranche geht es in Thüringen, wie in ganz Europa auch, wegen der Konkurrenz aus Asien nicht gut. Schott Solar schließt daher die Waferproduktion in Jena, will aber weiter am Standort die Forschung betreiben. Vor etwa einem Jahr schloss das Erfurter Bildungszentrum, das im April 2010 für 8,7 Millionen Euro errichtet wurde und als bedeutendstes Projekt der „Solarinitiative Thüringen“ – eine redaktionelle Einarbeitung wäre auch hier angebracht.

Ob sich der große Aufwand lohnt, den Thüringen für die Standort-Werbung betreibt? Jedenfalls bleibt das Wirtschaftsministerium nicht auf den gesamten Kosten sitzen: Der „Europäische Fonds für regionale Entwicklung“ (EFRE) fördert dieses Projekt. „Ziel des Programms ist angesichts eines lokalen Pro-Kopf-BIPs in Höhe von 73 % des EU-Durchschnitts die Unterstützung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums in Thüringen durch Förderung von Innovation, Forschung und technologischer Entwicklung sowie von Kapitalinvestitionen, Werbemaßnahmen für attraktive Regionen und die Gewährleistung ökologischer Nachhaltigkeit. Diese Maßnahmen werden dazu beitragen, Wohlstand zu schaffen, regionale Unterschiede abzubauen und die Lebensqualität der Menschen in der Region zu verbessern. Außerdem wird dieser Ansatz Thüringen helfen, seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, und dem Land den allmählichen Übergang zu einer wissensbasierten Wirtschaft erleichtern.“, heißt es auf dem offiziellen Internetauftritt des EFRE. Bis 2013 stehen 2,1 Milliarden Euro aus dem Haushalt der EU in Thüringen zur Verfügung.

Ein Hoch auf die Kreativität des Thüringer Wirtschaftsministerium für unseren Standort Thüringen. Wir können alles, nur nicht „kreativ werben“? Weshalb eigentlich nicht?

1 Kommentar zu "Wir in Thüringen können alles nur nicht kreativ!"

  1. Was ist Keativität per Definition ?

    Wofür ist diese für die Mehrheit der Menschen eines Landes wichtig?

    Kann Kreativität durch Werbung entstehen oder gefördert werden?

    Welche Priorität hat das verglichen mit anderen Herausforderungen in Jena, Thüringen, unserem Land und dem Globus (nicht das Einkaufszentrum)…..


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