Tagung „Metropolenkonflikte und Staatskrise“ an der Universität Jena |

Tagung „Metropolenkonflikte und Staatskrise“ an der Universität Jena

Der Jenaer Wissenssoziologe Prof. Dr. Tilman Reitz ist sich sicher, dass die Thematik des Workshops aktuell bleibt und weist auf die Lage der arbeitslosen Akademiker in Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland hin.  (Foto: Anne Günther/FSU)

Jena. „Metropolenkonflikte und Staatskrise“ – diesen Titel trägt die dritte Jenaer Klassenkonferenz, die am 19. und 20. Oktober in Jena in der „Rose“ (Johannisstraße 13) stattfindet. Die Tagungsreihe des Instituts für Soziologie in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen befasst sich mit unterschiedlichen „klassentheoretischen“ Fragestellungen, wie Juniorprofessor Dr. Tilman Reitz von der Universität Jena erklärt. Es sind dies Fragen danach, aus welchen Gruppen sich die Gesellschaft der Gegenwart zusammensetzt, welche Machtverhältnisse und welche wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen diesen Gruppen bestehen.

Die diesjährige dritte Tagung findet vor dem Hintergrund der jüngsten Unruhen und Umstürze statt. „Viele soziale Bewegungen der letzten Zeit fordern wieder direkt den Staat heraus – in Athen, Madrid, Rom, London, Tel Aviv und Santiago de Chile, erst recht im arabischen Raum“, verdeutlicht Reitz. Gleichzeitig stelle sich aber die Frage, ob jene mit Schuldenbergen und Koordinierungsproblemen ohnedies schon überforderten Regierungen überhaupt der passende Adressat für einen radikalen sozialen Protest seien. „Während in den arabischen Revolutionen politische Regimes gestürzt wurden, richtet sich der betont soziale Protest in den westlichen Metropolen gegen Gruppen und Strukturen der kapitalistischen Wirtschaft, Immobilienbesitzer oder Finanzmärkte“, erläutert der Jenaer Wissenssoziologe.

Der Staat schütze das beteiligte Eigentum und sei mit der angegriffenen Gruppe vernetzt, stehe aber nicht eindeutig auf deren Seite. Das Interessante: „Viele Regierungen stimmen vielmehr prinzipiell den Protesten zu und betonen nur ihre eigene Hilflosigkeit – in einer oft faktisch schwachen Lage gegenüber den Marktakteuren“, erläutert Prof. Reitz. Der Protest selbst ist teilweise betont vielfältig oder politisch unartikuliert. Nichtsdestotrotz ist es den Tagungsteilnehmern um die Frage zu tun, ob sich in alldem aussichtstreiche soziale Perspektiven erkennen lassen – und wenn ja, was politisch von ihnen zu erwarten sei.

Zielgruppe der Veranstaltung sind sowohl Studierende aus Soziologie und thematisch angrenzenden Disziplinen wie Geschichte oder Politikwissenschaft als auch die interessierte Öffentlichkeit. Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich. Das genaue Programm ist nachzulesen unter: www.th.rosalux.de.

Die Thematik des Workshops bleibt aktuell, sagt Tilman Reitz und weist in diesem Zusammenhang auf die Lage der arbeitslosen Akademiker in Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland hin. Insbesondere deren Situation, vermutet er, sei strukturell wenig besser als jene der Industriearbeiter im 19. Jahrhundert: „Wer um seinen Arbeitsplatz kämpfen muss, wird automatisch runtergedrückt.“

Den Weg für die Situation der Gegenwart hat – nach Ansicht einiger Referenten des Workshops – wesentlich ein strategisches Bündnis zwischen Finanzoligarchie und Regierungen bereitet, das vielfach in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bestand – und das, in Großbritannien beispielsweise, noch immer besteht. Gegen diese „herrschenden Klassen“ beginnt in vielen westlichen Demokratien jener Teil der traditionellen und durch den Wohlfahrtsstaat erneuerten Mittelschicht aufzubegehren, der mittlere Führungspositionen und Wohlstand einbüßt. Hierher gehört etwa der Beitrag von PD Dr. Berthold Vogel (Uni Göttingen), der über die Bedrohung auch der deutschen Mittelschicht durch Privatisierung, durch Leiharbeit und durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse sprechen wird.

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