Ein Jenaer Schriftsteller – Curt Letsche zu seinem 100. Geburtstag |

Ein Jenaer Schriftsteller – Curt Letsche zu seinem 100. Geburtstag

CL 1998 Schramberg

Jena. Am 12. Oktober 2012 wäre Curt Letsche 100 Jahre alt geworden.

Geboren in Zürich, verbrachte er den größten Teil seiner Kindheit in Ulm, wo er auch eine Buchhändlerlehre absolvierte. In die letzten Monate seiner Lehrzeit fiel die Machtübergabe an die Nazis, wertvolle Werke der deutschen Literatur fielen den von ihnen inszenierten Bücherverbrennungen zum Opfer. Die Vereinigung „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“, in die Letsche 1932 eingetreten war, fusionierte 1933 mit der SA. Im Herbst 1935 trat er aus der SA aus und engagierte sich im antifaschistischen Widerstand. Als Inhaber einer christlichen Buchhandlung in Freiburg im Breisgau, der eine kleine Druckerei und zwei kleine Verlage angegliedert waren, konnte er in trotz der von den Nazis durchgesetzten Gleichschaltung der deutschen Literaturlandschaft in begrenztem Umfang oppositionelle Schriften verbreiten. Außerdem lief über seine Geschäftskorrespondenz der Kontakt von Widerstandsgruppen mit dem demokratischen Ausland.

1939 wurde Letsche in Freiburg von der Gestapo festgenommen. Zeitweilig wurde er in der Gestapo-Zentrale Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin verhört. Am 28. Oktober 1940 verurteilte ihn der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu sechs Jahren Zuchthaus.

Inhaftiert war er im Zuchthaus Ludwigsburg, im April 1945 ging er mit anderen Häftlingen „auf Transport“ in Richtung KZ Mauthausen. Dort kam er nie an, in Kaisheim bei Donauwörth wurden die Häftlinge von der US-Armee befreit. Dies rettete ihm wahrscheinlich das Leben.

Nach dem Kriegsende arbeitete Curt Letsche zunächst als Verleger in Tübingen, Stuttgart und Pforzheim, bis er 1957 aus wirtschaftlichen Gründen in die DDR übersiedelte. Zunächst arbeitete er als Bibliothekar, nach Veröffentlichung eines Textes in der Zeitschrift „neue deutsche Literatur“ konnte er sich als freiberuflicher Schriftsteller etablieren. Von 1971 an, bis zu seinem Tod lebte er mit seiner Frau in Jena.

Curt Letsche wurde besonders durch seine Kriminalromane sowie durch seine autobiographisch geprägten Romane über den antifaschistischen Widerstand bekannt. Bereits in den siebziger Jahren unternahm er zudem Ausflüge in die Science Fiction und veröffentlichte 3 Romane dieses Genres.

Nach der Wende wurde es still um den Autor. 1994 veröffentlichte er in einem Berliner Kleinverlag die phantastische Kriminalerzählung „Chromosom X“, in der er sich mit den Risiken der Genmanipulation auseinandersetzte.

Als parteiloser Antifaschist unterstütze Curt Letsche in seinen letzten Lebensjahren den „VVN/Bund der Antifaschisten“, dem er sich unter anderen als Zeitzeuge zur Verfügung stellte, bis ihm schließlich eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes auch diese Tätigkeit unmöglich machte. Am Aschermittwoch des Jahres 2010 verstarb er.

Seinem Sohn, dem Historiker Lothar Letsche, ist es zu verdanken, dass nun einige Bücher des Autors in erweiterten Neuausgaben bzw. als Erstveröffentlichungen vorliegen.

So erschien im Jahre 2011 im Pahl-Rugenstein-Nachfolger Verlag eine Neuauflage des antifaschistischen Romans „Das Schafott“ mit einem umfänglichen dokumentarischen Anhang, darunter einem Bericht des Autors über die letzten Monate seiner Haft und die Befreiung.

Angekündigt ist für Ende 2012, ebenfalls im Pahl-Rugenstein-Nachfolger Verlag, der Roman ‚Schnittpunkte 1945‘, ein autobiographisch geprägtes Werk, an dem der Autor bis 1987 gearbeitet hat. Der Roman selbst ist unveröffentlicht, nur ein längerer und stark bearbeiteter Auszug ist 1983 unter dem Titel „Der Geisterzug“ erschienen.

Anlässlich seines 100. Geburtstag erschien kürzlich aus Curt Letsches Nachlass in Buchform die Erzählung ‚Bilder einer anderen Welt‘ in der Edition TES des Ulenspiegel Verlags Waltershausen-Erfurt.

Diese Erzählung ist die letzte belletristische Arbeit des Autors. Er hat sie wahrscheinlich in den Jahren 1998 bis 2003 verfasst, bevor ihn seine Krankheit für immer ans Bett fesselte. Sie war niemandem bekannt und wurde erst nach seinem Tod auf der Festplatte des Computers entdeckt.

Autor: Gerd-Michael Rose