Der Schwarm und die Krankenkassen – Notizen zum Weltuntergang |

Der Schwarm und die Krankenkassen – Notizen zum Weltuntergang

211212resetJurte21Oktober TNetzbandt Jenapolis

Jena. Was wollen sie, die Organisatoren der Aktion „211212 reset„? Man weiß es nicht – und das ist Teil des Programms. Man weiß es auch nicht, nachdem man die Beschreibung gelesen hat. Und man weiß es nur sehr, sehr ungefähr, wenn man die Auftaktveranstaltung besucht hat.

Lutz Eggert, Mike Sandbothe, Jonas Zipf und Daniel Krischker (v.l.n.r) bei der Auftaktveranstaltung am 21. Oktober in der Jurte auf dem Theatervorplatz. Foto: T. Netzbandt/Jenapolis

Wenn das Theaterhaus Jena wieder eine seiner subversiven, städtischen Guerilla-Aktionen durchführt, ist Vorsicht geboten. Wenn sich dann aber die Ernst-Abbe-Fachhochschule, das Kino im Schillerhof sowie der Imker Lutz Eggert beteiligen, zusätzlich noch einige Medienpartner und Sponsoren, ist es Zeit, die höchste Alarmstufe auszurufen. Warum auch nicht? Es geht schließlich um den am 21.12.2012 vermuteten Weltuntergang, der sich offenbar aus einer Maya-Inschrift herauslesen läßt, zumindest bei einer sehr sportlichen Interpretation.

Weltuntergang oder nicht, hier braut sich etwas zusammen; Zentraler Begriff dabei ist der des „Schwarms“; Warum sollte es nicht auch Menschen gelingen, intuitiv und dennoch koordiniert zu handeln? Dabei sind „sollen wir das überhaupt?“ und „wollen wir das überhaupt?“ nur die ersten Fragen einer spannenden Reise – gerade im Zeitalter der vielbeschworenen „Social Networks“. Diese veranschaulichen einerseits den Verfall der zwischenmenschlichen Kommunikation, erweisen sich aber auch für die Organisatoren des Schwarms als unverzichtbares Mittel, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Ähnlich verhält es sich mit der Finanzierung der Aktion, die vermutlich ohne Sponsoren kaum zu machen gewesen wäre. Obwohl die Organisatoren die um sich greifende Ökonomisierung aller Lebensbereiche ablehnen, kommen sie nicht umhin, auch auf das Thema Crowdfunding einzugehen, also die Finanzierung über eine große Anzahl von Investoren, die jeweils nur kleine Beiträge zahlen (während bei den Bienen* der Honig das Tauschmittel darstellt).

Dies alles sind sehr interessante gesellschaftliche Fragen. Warum aber die Kombination mit Esoterik, mit „Energiearbeit“ und „Entspanntem Sitzen“? Wegen der Beteiligung von Krankenkassen? Wegen der zusätzlichen suchmaschinenoptimierten Begriffsbeschreibungen, die erhöhte Aufmerksamkeit und Teilnehmerzahlen versprechen?

Ansonsten schwebt den Organisatoren auch die „Reinigung von Worten“ vor – so soll der Begriff „Heimat“ wieder an Bedeutung gewinnen – wir erinnern uns: Das Problem am Heimatbgegriff ist bekanntlich nicht, daß er im Nationalsozialismus für dessen Ziele eingespannt wurde, sondern die Tatsache, daß wir uns nicht mehr zutrauen, ihn mit neuer Bedeutung zu füllen.

Zu tief sitzt die Angst vor dem allgegenwärtigen Faschismusvorwurf, die die Meinungsmacher der 80er und 90er Jahre verbreiteten. Aber vielleicht schafft der Schwarm hier Abhilfe. Vielleicht bringt er sogar etwas echte Bürgerbeteiligung dorthin, wo sich derzeit vor allem Parteiengezänk und Postengeschacher abspielen.

Der Menschenschwarm dient allerdings nicht intuitiv der Gemeinschaft, sondern läuft ständig Gefahr, von einzelnen Gruppen instrumentalisiert und ausgenutzt werden; Vielleicht ist es ja nicht „Deutschland“, das den Superstar sucht, sondern RTL? Längst haben Werbeagenturen das Viral Marketing entdeckt und spannen Unwissende zur Übermittlung ihrer Werbebotschaften ein. Und ja, empfehlen sie uns auf Facebook und sichern sie sich wertvolle Prämien!

Wird Autor Wolfgang Klinghammer Teil des Schwarms? Foto: T. Netzbandt/Jenapolis

Im Zeitalter der Schnäppchenjäger verschwimmen die Grenzen zwischen Schwarm, Individuum, Egoismus und Honig. Ob der Schwarm gleichmacht, ob er gleichmachen soll, oder ob einige Oberschwärmer ihr Privatsüppchen dabei kochen – schauen wir mal. Wieviel Organisation, Leitung, Führung, wieviel Inspiration und Widerspruch verträgt ein Schwarm, um noch als Schwarm zu gelten?

Die bisherige Geschichte von ursprünglich idealistischen, später parteigewordenen Schwärmen wie den Grünen oder den Piraten verheißt nichts Gutes. Und der heterogene Schwarm der Steuerzahler, der seine Interessen nicht bündeln und äußern kann, wird einer Handvoll kompetenter Lobbyisten, die genau wissen, an welchen europäischen, nationalen oder regionalen Stellen sie einen Gesetzgebungsprozeß beeinflussen können, immer hoffnungslos unterlegen sein.

Die Schwarm-Aktion ist im besten Fall eine Gelegenheit, einmal über die eigene Rolle in der Gemeinschaft, über die großen Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur zu reflektieren und sich mit anderen zusammenzutun. Im schlimmsten Fall ist sie eine PR-Aktion kommerzieller Akteure.

Eines ist sie auf jeden Fall: ein sehr spannendes Experiment, über das noch zu sprechen sein wird, angesiedelt irgendwo zwischen privat und politisch.

Und was wollen sie nun eigentlich, die Organisatoren? Man weiß es noch immer nicht. Und Mitmachen scheint der einzige Weg zu sein, es herauszufinden. Man darf gespannt sein auf die vielen Veranstaltungen und auf das große Weltuntergangsfinale am 21. Dezember, 21.00 Uhr auf dem Theatervorplatz. Tagesordnungspunkt: Reset, (Not?-)Ausgang offen. Wir sehen uns dann auf der anderen Seite!

Autor: Wolfgang Klinghammer


*a propos Bienchen und Blümchen – Der Schwarm benötigt noch einen größeren Frauenanteil!

1 Kommentar zu "Der Schwarm und die Krankenkassen – Notizen zum Weltuntergang"

  1. Dörte Hamann | 24. Oktober 2012 um 18:13 |

    Was wollen die Organisatoren? Diese Frage zeigt, wie schwierig es ist die Idee eines „Schwarms“ zu kommunizieren, wobei die Idee an sich eine einfache ist. Das Projekt „211212reset“ versucht in Zeiten des ständigen Wandelns Verwurzelungen zu schaffen, bei denen sich Menschen zu einer „Crowd“ zusammenschließen, um über die eigene Rolle in der Gemeinschaft und über die Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur zu reflektieren.

    Warum das wichtig ist? Um heimatliche Gefühle zu Menschen, die in unserer Nähe leben oder die wir ständig auf der Straße treffen, zu entwickeln. Was bedeutet Heimat? Heimat bezeichnet nichts anderes als ein Beziehung zwischen Mensch und Raum. Meist ist damit der Ort gemeint, indem ein Mensch hineingeboren wird und der seine Sozialisation maßgeblich prägt. Mit der Heimat verbindet jeder Einzelne Verbundenheit, Verwurzelung und Zugehörigkeit. Doch heutzutage scheint Heimat immer mehr an Bedeutung zu verlieren. Verbundenheit zu einem einzigen Ort ist eher die Seltenheit als die Regel. Genau hier kommt die Idee des „Schwarms“ ins Spiel. Ein „Schwarm“ ist nichts anderes als eine Masse, die eng miteinander in Beziehung steht. Die Mitglieder in einem „Schwarms“ können auf Grund ihrer räumlichen und mentalen Verbundenheit somit auch eine Heimat sein.

    Mit dem Projekt „211212reset“ wollen wir daher Menschen ansprechen und motivieren, sich mit anderen Menschen zu verbinden und sich bewusst zu werden, dass sie als Teil eines „Schwarms“ Menschen um sich haben, die etwas mit ihnen teilen. Es geht um Erlebnisse, die man nicht allein erleben möchte, sondern gemeinsam.

    Dafür finden bis zum 21.12.2012 zahlreiche Veranstaltungen aus den Bereichen Wissenschaft, Gesundheit und Kultur statt. „211212reset“ bietet interessante Themen, wie Praxiskurse in Energiearbeit, Yoga, Homöopathie, Osteopathie und MiShu sowie Kulturgespräche zu gesundheitspolitischen und religiös-politischen Themen, als auch ein breites Kulturprogramm aus Theater, Kino, Musik, Lesungen und Radioshows. Also mitmachen lohnt sich, werde Teil unseres „Schwarms“, komme am 25.10.2012 auf den Theatervorplatz, und informiere dich über alle Veranstaltungstermine, die bis zum 21.12.2012 stattfinden, unter: http://www.211212reset.de


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