Dr. Antje Vollmer wird heute in Jena mit dem Hildegard Hamm-Brücher-Preis ausgezeichnet |

Dr. Antje Vollmer wird heute in Jena mit dem Hildegard Hamm-Brücher-Preis ausgezeichnet

„Es geht ihr nicht um Effekthascherei, sondern um das Erkennen der Zwischentöne“
Laudatio von Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht

Bundestagsvizepräsidentin a.D. Dr. Antje Vollmer wird heute in Jena mit dem Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis ausgezeichnet, der im Rahmen der „Lernstatt Demokratie“ des Förderprogramms Demokratisch Handeln verliehen wird. Die Laudatio hält Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Nachfolgend veröffentlichen wir vorab Auszüge aus der Rede von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht:

„Seit Jahrzehnten schon setzen Sie sich für Versöhnung, für Verständigung und Ausgleich unter den Menschen ein: So etwa Ihr Engagement für ehemalige Zwangsarbeiter, NS- und Euthanasieopfer, Homosexuelle und Wehrdienstverweigerer. Darüber hinaus haben Sie in den neunziger Jahren unter anderem eine deutsch-tschechische Versöhnungsinitiative gestartet und einen Dialog zwischen der chinesischen Regierung und dem Dalai Lama angestrebt. Sie haben 2001 den deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialog mit initiiert und sich im Jahr 2011 große Verdienste als Moderatorin des Runden Tisches zur „Heimerziehung in den 50er/60er Jahren“ erworben. Darüber hinaus waren Sie 1998 Mitinitiatorin zur Einrichtung eines Kulturausschusses und der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages.

Dabei geht es Ihnen aber nicht um Effekthascherei. Im Gegenteil: Sie wollen stets auch vermitteln, festgefahrene Diskussionen aufbrechen, vermeintlich Trennendes überwinden. Sie stehen nicht für Schwarz-weiß-Denken, nicht für ein kantiges „Entweder-oder“, sondern für ein Erkennen der Zwischentöne, für ein differenziertes „sowohl als auch“. Die Mitte, so sagten Sie einmal, sei Ihr Schicksal. Das macht Sie zu einer Grenzgängerin. Aber es ermöglicht Ihnen auch, Grenzen und Gräben zu überwinden. Zwischen Fundis und Realos, zwischen Union und Öko-Partei, zwischen Männern und Frauen, Jungen und Alten. Für Ihre Vermittlungsversuche haben Sie bisweilen harsche Kritik bis hin zur Häme einstecken müssen. Aber auch überparteiliche Anerkennung: So wurden Sie 1994 mit den Stimmen der Union als erste Grünen-Politikerin auf Bundesebene in ein hohes Staatsamt gewählt: zur Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Ein „emanzipatorischer Moment der CDU“, wie Sie es damals nannten. Und auch hier könnten Sie als eine Frau stehen, die Gräben überwindet; ein Frau, die Denkverbote ignoriert: Viele interpretierten Ihre Wahl als Wegweisung hin zu einer möglichen schwarz-grünen Koalition im Bund – wohlgemerkt 1994.

Ihnen kommt es darauf an, Auswege anzubieten. Dafür muss man auf sein Gegenüber zugehen können.

Uns verbindet die Verbundenheit zum evangelischen Glauben. Vor allem teilen wir beide die Gemeinsamkeit, bereits eine lange Zeitspanne unseres Lebens in der Politik verbracht zu haben. Und ich weiß als Ministerpräsidentin: Wir brauchen Stimmen wie Sie, sehr geehrte Frau Dr. Vollmer, die sich für die Demokratie, für den demokratischen Diskurs, für Verständigung und Vermittlung engagieren.
Sie sind einst in die Politik gegangen, um Missstände zu thematisieren und zu beseitigen. Darin bleiben Sie sich auch als Autorin treu: Sie legen den rhetorischen Finger in die Wunde. Sie machen auf Fehlentwicklungen aufmerksam und geben wichtige Denkanstöße für die Debatten unserer Zeit. Ebenso tragen insbesondere Ihre historischen Forschungsarbeiten dazu bei, die Vergangenheit besser zu verstehen und Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Gelebte und lebendige Demokratie setzt den informierten Bürger voraus; Bürgertugenden, Gemeinsinn, Dialogkultur und eine kritische „Staatsfreundschaft“ müssen herangebildet und gefördert werden. Der freiheitliche Staat ist auf die Identifikation und Teilhabe seiner Bürgerinnen und Bürger angewiesen. Anordnen oder gar erzwingen kann er das Bekenntnis zu Demokratie und Staat, das Engagement für das Gemeinwesen nicht.
„Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Der Satz von Wolfgang Böckenförde wird häufig zitiert – zu Recht, wie ich meine, weil er eine der wesentlichen Lehren aus unserer Vergangenheit enthält: Als „jedermanns Vorbehaltsdemokratie“ hat Karl-Dietrich Bracher[1] die Weimarer Republik bezeichnet. Politische Bildung – ob von Stiftungen, Vereinen oder Einzelnen initiiert – ist meist nur ein Angebot an den Bürger. Und dennoch ist sie von fundamentaler Bedeutung für unser Gemeinwesen. Selbstverständlich geht es nicht um eine eindimensionale weltanschauliche Schulung. Der Pluralismus der politischen Meinungen und Richtungen in der Demokratie spiegelt sich bei der politischen Bildungsarbeit auch in der Vielzahl der Träger und Stimmen wider.
Es geht in der politischen Bildung – und dazu zähle ich auch politische Publizisten – darum, Werte zu vermitteln, ein politisches Interesse und politisches Bewusstsein zu entwickeln. Nicht nur, aber vor allem auch bei jungen Menschen. Vor allem aber geht es darum, Menschen dazu zu bringen, zum Denken den eigenen Kopf zu benutzen, Meinungsverschiedenheiten auszuhalten und konstruktiv auszutragen und vernünftige Kompromisse zu finden. Sehr geehrte Frau Dr. Vollmer, Ihr politisches und publizistisches Werk ist auch politische Bildungsarbeit, meinungsstark, aufklärend und immer lesenswert. Ihre Stimme ist ein klangvoller Teil im Meinungskonzert in unserer Demokratie.

Termin: Verleihung des „Hildegard-Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren“
Zeit: Dienstag, 24. Juni 2014, 18:45 Uhr
Ort: Jena, IMAGINATA, Löbstedter Straße 67

Mehr Infos zur heutigen Preisverleihung im Internet: http://www.demokratisch-handeln.de/archiv/lernstatt/2014/pdf/2014_Programmflyer_HHB-Preis.pdf

4 Kommentare zu "Dr. Antje Vollmer wird heute in Jena mit dem Hildegard Hamm-Brücher-Preis ausgezeichnet"

  1. Ist Ihnen mein Kommentar zu kritisch?


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    Für Unwissende und all diejenigen die sich informieren möchten, bzw. informiert sein möchten: Vieles zum Wirken und Handeln, und Erwirken, von Dr. Antje Vollmer als „Moderatorin“ am RUNDEN TISCH HEIMERZIEHUNG, und allem was damit in Zusammenhang steht, und die daraus hervorgehenden Auswirkungen auf die Ohnmächtigen, d.h. die betroffenen Opfer: die ehemaligen Heimkinder selbst, ist festgehalten in dieser EINFACHEN ZUSAMMENSTELLUNG KRITISCHER BEITRÄGE ZUM THEMA ANTJE VOLLMER, *ein überaus wichtiger Netzfund zu all ihren Verdiensten*: http://de.over-blog.com/recherche/recherche-blog.php?ref=1570672&query=Antje+Vollmer
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    Antje Vollmer, diejenige, die jetzt Biographische Romane über Widerstand und Widerstandskämpfer im Dritten Reich schreibt, und jetzt DAMIT ihr Geld verdient, hatte als Schirmherrin am »RUNDEN TISCH HEIMERZIEHUNG« (2009/2010) selbst kein Interesse daran gehabt und gezeigt gegen das heutige elitäre System und Machtgebilde, dem auch sie angehört, Widerstand zu leisten, und sich für die Schwachen und Schwächsten in unserer Gesellschaft einzusetzen, und sich wirklich mit solchen Dingen und Geschehen in ihrem Lande wie „Heimkinderhöllen“ / „Kinderheimhöllen“, „Heimkinderfolter“ / „Kinderheimfolter“ – torture of children in care – „Heimkindersklaven“ / „Kinderheimsklaven“, „Heimkinderzwangsarbeit“ / „Kinderheimzwangsarbeit“ zu befassen, und all diese Dinge und Geschehen, wie sie beweisbar und bewiesen seit 1949 jahrzehntelang in der Bundesrepublik Deutschland existierten, stattfanden und gegen Kinder und Jugendliche angewandt wurden, beim Namen zu nennen, und eine angemessene Wiedergutmachung und Entschädigung für die Opfer für all dieses ihnen widerfahrene Unrecht und Leid zu empfehlen und einzufordern.
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