Jena. Das verspricht ein großes Vergnügen zu werden: Am Dienstagabend (7. Juli) wurde auf dem Theatervorplatz der „Wilhelm Tell” geprobt. Was heißt hier Theatervorplatz: Inmitten der Schweizer Bergwelt, beobachtet von Hase, Rehbock und Waschbär tummelten sich die Akteure auf Almen und Felsen und unter Wasserfällen. Die Probe galt dem morgigen Donnerstag, an dem ab 21.30 Uhr die Premiere des ca. 180-Minuten-Stücks über die Bühne geht.
Los ging’s mit dem Hirten Kuoni (köstlich: Bernhard Dechant) und dem Fischer Ruodi (Ralph Jung), die sich angesichts des flüchtigen Konrad Baumgarten nicht einigen können, ob denn und wenn ja wer denn die rettende Schranke öffnen dürfe. Dem Gezeter um Rang und Namen macht Tell (Vera von Gunten) kurzentschlossen ein Ende, indem er den Mörder des Burgvogts von Unterwalden huckepack nimmt und durchs Wasser und über die Felsen bringt.

Der Tell will doch nur seine Ruhe haben. Aber wenn alles in Aufruhr ist, bleibt der Einzelne kaum außen vor.
Bezüge zum hier und jetzt haben Regie und Akteure bewusst gesetzt, um das Zeitlose der Ideen Friedrich Schillers herauszustreichen. Dem war es um die Idee der absoluten Freiheit gegangen, um die Frage, wieviel Unterdrückung, wieviel Druck der Mensch aushält, ehe er aufgegehrt. Regisseur Markus Heinzelmann sagte, er habe den Tell bewusst mit einer Frau besetzt, weil dieser kein Held sei wie Robin Hood, eher ein Alltagsheld, einer wie du und ich.
So kommt der Wilhelm Tell im Stück daher: Ein Kerl, der seine Ruhe haben will, den aber die Umstände zum Handeln zwingen. Anfangs, weil da einer in Not geraten ist, später, als er selbst in Not gerät. Der Reichsvogt Gessler (herrlich fies: Gunnar Titzmann) hat einen Hut aufstellen lassen, der zu grüßen ist. Als Tell das - eher aus Versehen - versäumt, kommt es zur Szene mit dem Apfelschuss …
Zuvor passiert jedoch noch jede Menge auf dem Bühnenbild, das Gregor Wickert als eine Mischung aus Naturalismus und Abstraktion bezeichnet, mit einer gehörigen Portion Kitsch. Die Schweiz halt. Der Reichsvogt Hermann Gessler etwa kommt mit dem Motorrad ins Arenarund gefahren und sieht dabei aus wie eine Mischung aus Bankier und Mafioso. Zeitbezüge eben. Als die aufrührerischen Schweizer zum Rütlischwur zusammengekommen sind und palavern wie eine Horde demonstrationswütiger Studenten, knattert plötzlich ein Trabi heran und kein Geringerer als Ernesto „Che” Guevara entspringt dem ehrwürdigen Gefährt. El Commandante eilt sogleich zum Rütli und lässt die Revolution hochleben. Danach lässt er sich den Weg zu einem Hotel mit Alpenblick weisen und entschwindet behende wie eine Gams …
Eingangs des Stückes treten zwei „Äpfel-Entertainer” (Dechant/Jung) auf und parlieren über Helden. Hinzu kommen Tells Frau Hedwig (echt schweizerisch: Gracia Pergoletti), die „Kümmerer” aus Hamburg, die wenig später ein Loblied auf den FC St. Pauli anstimmen und eine „richtige” Bogenschützin.
Christiane Röher gibt es Kostprobe ihres Könnens ab und verrät, welche Glücksformel beim Agieren mit Pfeil und Bogen gilt. Von Hedwig Tell erfahren wir zudem eine Menge über die Schweiz und die Schweizer und wir dürfen einem hinreißenden Schweizer Liebeslied lauschen.
Insgesamt sind etwa 65 Statisten aufgeboten, die Zahl aller Akteure wird mit 100 angegeben. Für die Schweizer Kostüme sorgte Anne Buffetrille mit ihrem Team, die Musik koordiniert Vicki Schmatolla, die sich u.a. die Brass-Band Blechklang Jena und die BMV Oldstars herangeholt hat und selbst am Schlagzeug sitzt. Heiko Kalmbach zeichnet für die Videos verantwortlich und Antonio Cerezo sowie Robert Gärtner machten sich um die Choreografie verdient. Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Akteure auf und hinter der Bühne, von denen das Programm kündet.

Das Publikum hält den Atem an: Tell visiert den Apfel auf dem Kopf des Kindes an. Fotos: Stephan Laudien/Jenapolis
Wer sich „Wilhelm Tell” anschauen möchte, sollte sich rasch um eine Karte bemühen. Heute (8. Juli) wurde mitgeteilt, dass die Premiere am 9. Juli und der Freitagabend ausverkauft sind. Für den Samstag gibt es noch Restkarten und nur die Sonntagsvorstellung verspricht noch einigermaßen gute Chancen auf einen der 1 200 Plätze.









Ein Kommentar
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