Erfurt. Mit einer scheinbar banalen Provinzposse beschäftigen sich derzeit die Verwaltung und der Stadtrat der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt. Am Portal des Erfurter Rathauses sollen künftig zwei Bronzefiguren stehen: Bonifatius und Martin Luther. Dafür sammelt der Erfurter Rotary Club derzeit Spenden in Höhe von 100.000 Euro. Ärger gibt es nun deshalb, weil manch Erfurter Stadtrat explizit kirchliche Figuren ungern an einem säkularen Gebäude sehen möchte. Der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) sprach sich für die Installation aus. Der Denkmalrat sieht allerdings keine Notwendigkeit dafür.

Der angelsächsische Missionar Bonifatius ist nicht nur ein wichtiger Heiliger des Bistums Erfurt, sondern taucht maßgeblich im Zusammenhang der ersten urkundlichen Erwähnung Erfurts im Jahr 742 auf. Ebenso ist Martin Luther mit der Geschichte der Stadt verwoben. Ohne seine Erfurter Zeit wäre Luther vermutlich nicht zum Reformator geworden. Damit erscheint es naheliegend, dass diese beiden historischen und identitätsstiftenden Symbolfiguren künftig das Erfurter Rathaus schmücken sollten. Auf den dafür vorgesehenen freien Sockel am Rathausportal standen bis 1945 Figuren der beiden Kaiser Barbarossa und Wilhelm I. Diese Symbolfiguren des alten Kaiserreichs wurden vermutlich zerstört.

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Gegen die Pläne regt sich jedoch Widerstand. So äußerte Kulturpolitiker Wolfgang Beese (SPD) Bedenken, dass Kirchenpersönlichkeiten wie Bonifatius und Luther nichts an einem säkularen Gebäude zu suchen hätten. „Schließlich ist die Trennung von Kirche und Staat eine Errungenschaft der Aufklärung in diesem Teil der Welt“, kommentierte er bei Facebook. Der Grünen-Vorsitzende Alexander Thumfart bringt darüber hinaus das politische Denken Luthers hinsichtlich von Macht und Gewalt der Obrigkeit als Gegenargument. Fraglich bleibt an der Stelle jedoch, wie man mit der Argumentation Thumfarts noch Marx-Büsten und -Plätze rechtfertigen möchte. In der Folge der Marx’schen Philosophie sind immerhin Millionen von Menschen gestorben.

Mehr Sachlichkeit fordert daher CDU-Kulturpolitiker Michael Hose (CDU) und vermutet hinter der Ablehnung der Figuren am Rathaus kirchenkritische Ressentiments. „Bonifatius und Luther sind Teil der Erfurter Geschichte“, sagt Hose.

Hinter der Provinzposse verbirgt sich mehr: Die Angst, dass zwei frühere Kirchenfiguren, gegossen in Bronze, die Errungenschaften der säkularisierten Welt in Frage stellen könnten, indem sie einfach auf einem Sockel stehen, erscheint unbegründet und weit hergeholt. Die christliche Vergangenheit bleibt trotz Säkularisierung Teil der Geschichte. Geschichte lässt sich nachträglich kaum säkularisieren. Wenn Geschichte als Ganzes betrachtet wird, so auch die der Stadt Erfurt, wäre es zu kurz gegriffen, dass kirchliche Figuren mit entscheidendem Einfluss auf die historische Entwicklung der Stadt, begründet allein mit der Säkularisierung, nicht an das Erfurter Rathaus gehören sollen.

Ob die beiden Figuren als Geschenk angenommen werden sollen, entscheidet Ende Mai der von SPD, Linkspartei und Grünen dominierte Stadtrat.

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