Louis Fürnbergs Arbeitszimmer in Weimar, vermutlich 1957. Foto: Ernst Schäfer, Sammlung Familie Fürnberg.

Weimar. Das in der Gedenkstätte für die pädagogische Arbeit wieder aufgestellte Ensemble des tschechoslowakisch-deutschen Schriftstellers wird aus Anlass seines 60. Todestages am Freitag, dem 23. Juni 2017, um 16.15 Uhr, der Öffentlichkeit vorgestellt.

Louis Fürnbergs Weimarer Bibliotheks- und Arbeitszimmer ist das einmalige Dokument eines linken Intellektuellen und Weltbürgers, der als Jude verfolgt und vertrieben wurde. In ihm scheint die Kultur des deutschsprachigen Böhmens auf. Nach dem Tod seiner Frau Lotte Fürnberg übergab die Familie 2006 das Mobiliar und etwa 5.000 Bücher (darunter insbesondere Lyrik, Prosa, Nachschlagewerke, Politische Literatur, aber auch Zeitschriften und Noten) als Dauerleihgabe in die Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald; nur so konnte das Zimmer in Weimar erhalten bleiben. Es wurde in Anlehnung an das Original rekonstruiert und wird nun am 60. Todestag des Dichters, dem 23. Juni 2017, um 16.15 Uhr, der Öffentlichkeit vorgestellt. Künftig wird es in die Bildungsarbeit der Gedenkstätte Buchenwald einbezogen. Der literarische Nachlass Louis Fürnbergs befindet sich in der Akademie der Künste in Berlin.

Programm
23. Juni 2017, 16:15 Uhr, Gedenkstätte Buchenwald, Kinosaal

Begrüßung
Rikola-Gunnar Lüttgenau, Stellvertretender Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Festvortrag
„Die Folgen des Slánský-Prozesses für jüdische Intellektuelle“
Dr. Jan Gerber, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig

Lesung aus Werken Louis Fürnbergs
Prof. Alena Fürnberg

Musikalische Umrahmung
Saschka Haberl, Violine
Daniel Heide, Klavier

Anschließend besteht die Möglichkeit zur Besichtigung des Fürnberg-Zimmers im Verwaltungsgebäude der Gedenkstätte.


Zur Vita Louis Fürnbergs

Sein Leben steht wie kaum ein anderes für das extreme 20. Jahrhundert: Als Sohn eines verarmten jüdischen Kleinunternehmers wächst Louis Fürnberg (1909-1957) in Karlsbad auf. Er tritt mit 19 Jahren in die Kommunistische Partei ein, schreibt Gedichte und Lieder für Politkabarettgruppen in Böhmen und arbeitet als Autor und Redakteur für linke Zeitungen. Nach dem deutschen Einmarsch 1939 in Prag wird er verhaftet und gefoltert. Mit seiner Frau Lotte Fürnberg kann er ins Exil gehen, über Rom und Belgrad verschlägt es sie nach Palästina. Alle verbliebenen Familienangehörigen Louis Fürnbergs werden in Theresienstadt, Majdanek und Auschwitz ermordet, sein Bruder Walter 1942 im KZ Buchenwald.

Nach einem Aufenthalt im britischen Flüchtlingslager El Shatt (Ägypten) kehrt Louis Fürnberg 1946 mit seiner Familie nach Prag zurück und arbeitet als Korrespondent für kommunistische Zeitungen. 1949 wird er in Ost-Berlin Kulturattaché der Tschechoslowakei. In der Atmosphäre des Stalinismus begegnet man dem jüdischen Kosmopoliten in seiner Heimat mit Misstrauen. Als Reaktion schreibt Louis Fürnberg für die KP der Tschechoslowakei das „Lied der Partei“, das später zur Hymne der SED wird. Im Dezember 1952 erfolgt seine Abberufung aus Ost-Berlin im Zuge der stalinistischen antisemitischen „Säuberungen“ in der Tschechoslowakei. Gegen seine Freunde werden im Slánský-Prozess Todesurteile verhängt. Er selbst kann nach Weimar übersiedeln. Hier arbeitet er, neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit, bis zu seinem frühen Tod als Stellvertretender Direktor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur.

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