Jena. Der Kirchentag war als ein, wenn nicht als DAS Highlight im Reformationsjahr 2017 konzipiert.

Infolgedessen war die Vorbereitung ein höchst komplizierter und komplexer Prozess, dessen Schwierigkeit vor allem aus folgenden Hauptgründen resultierte:

1. Die Luther-Dekade, begonnen im September 2008, hatte das Reformationsthema bereits ziemlich „verbrannt“. (Vom Ansatz her war der Dekadengedanke aus unserer Sicht brillant, sollten doch auf diese Weise die üblichen Strohfeuer von Themenjahren vermieden und auch dauerhafte Effekte erzielt werden. Blickt man auf solche Investitionsprojekte wie das LutherHaus in Eisenach, ist das Konzept aufgegangen. Gleichwohl erwies es sich als Schwierigkeit, über einen so langen Zeitraum hinweg den thematischen Spannungsbogen zu halten).

2. Ein zentraler Kirchentag in Wittenberg und Berlin und sechs sogenannte Kirchentage auf dem Weg (KadW) in Erfurt, Halle/Eisleben, Leipzig, Magdeburg, Dessau-Roßlau und Jena/Weimar brachten zwar einerseits die intendierte Dezentralisierung, schufen damit aber andererseits Divergenzen, Verwischungen und Unschärfen, besonders für die Adressaten. Das erschwerte nicht nur das Marketing, sondern ließ die Besucherresonanz gerade bei den KadW unter den Erwartungen bleiben. Frühzeitige Warnungen der Erfahrungsträger aus den Kommunen wurden leider nicht berücksichtigt.

3. Das zentrale Kirchentagsmarketing setzte nach unserer Einschätzung außerdem zu stark auf Imagewerbung und zu wenig auf regionale Ansprache. Es vermochte auch nicht in ausreichendem Maße das überaus attraktive Kulturrahmenprogramm zu kommunizieren. So kamen die Botschaften schlussendlich zu wenig vor Ort an und erzeugten keine ausreichende Mobilisierung der Bevölkerung. Jena und Weimar beschlossen im Herbst 2016 einen gemeinsamen KadW-Auftritt und fanden sich unter der bekannten Gretchenfrage aus Goethes Faust „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ programmatisch zusammen. Mit dieser Setzung sollte ausdrücklich der Brückenschlag zwischen kulturinteressiertem Bildungspublikum und traditionellen Kirchentagsbesuchern gelingen.

Es wurde eine Programmrunde gegründet, die Vorschläge für das Gesamtprogramm sammelte bzw. unterbreitete, welche dieser Intention folgten. Ziel dieser Runde war es, mit einem assoziationsreichen Kulturrahmenprogramm alle Bevölkerungsgruppen für den Kirchentag zu interessieren. In Thüringen sind 68 Prozent der Bevölkerung nicht konfessionell gebunden (siehe Wikipedia bzw. gemäß Zensus 2011 ist in Thüringen nur 1/3 der Bevölkerung konfessionell gebunden, in Gesamtdeutschland doppelt so viele!).

4. Die schlussendlich zu stark traditionell kirchentagsorientierte Kommunikationslinie verfehlte somit gemessen an einer Bevölkerung mit überwiegend nicht religiösem Hintergrund bei den Kirchentagen auf dem Weg ihr Ziel. (Vgl. Gesamtbevölkerung Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ca. 8,4 Millionen.). Die meisten der insgesamt über 300 Veranstaltungen in Jena und Weimar waren nicht gut besucht. Jena blieb dabei im Schatten von Weimar. Laut Veranstalter wurden in beiden Städten zusammen insgesamt 22.000 Besucher gezählt. Leider bleibt zu konstatieren, dass selbst prominent besetzte Podien, aber auch Musikveranstaltungen bezüglich ihrer Resonanz weit hinter den Erwartungen zurück blieben.

5. Die Gesamtstruktur mit vielen Entscheidungsebenen generierte zudem einen extrem hohen Kommunikationsaufwand. Hauptverantwortlich zeichnete der Verein Reformationsjubiläum 2017 e.V. (r2017). Er wurde durch den Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) für die organisatorische Umsetzung und Planung der kirchlichen Events zum Reformationsjubiläum 2017 gegründet. Bezogen auf den Kirchentag installierte er jeweils regionale Sonderbeauftragte und bemühte sich, die Akteure aus drei Bundesländern – Sachsen, Sachen-Anhalt und Thüringen – und außerdem aus Berlin zu vernetzen. Diese regionalen Sonderbeauftragten nahmen wiederum ihrerseits lokale Kirchengremien sowie Verantwortliche auf städtischer Ebene – aus Kultur, aber auch aus Tourismus(verbänden) – in die Pflicht und fungierten als Ratgeber für die Akteure und umgekehrt als Botschafter zu r2017. So entstand ein kompliziertes und überaus schwerfälliges, intransparentes Geflecht von Mitwirkenden und Entscheidungsträgern.

Der finanzielle Zuschuss der Stadt Jena für den KadW betrug 100.000 Euro. Darin spiegelt sich nicht der zudem extrem hohe personelle Aufwand für die Vorbereitungen. Immerhin kuratierte JenaKultur die Programme auf der Marktbühne, beriet bei Organisation und Absicherung der Gesamtveranstaltung, trug beim übrigen Programm wichtige Mosaiksteinchen bei, übernahm einen Teil des Vertriebs und unterstützte die Öffentlichkeitsarbeit für den Kirchentag.

Die Veranstalter selbst resümieren übrigens wie folgt: “’Allein zum Willkommensabend in Weimar kamen 5.000 Menschen, der Konzertabend ‚Widerstand damals und heute‘ lockte 1.500 Besucher an und zum Sendungsgottesdienst kamen 600 Teilnehmende’. Ebenso war der Kirchentag geprägt von hochkarätig besetzten Podien, spannenden Vorträgen und vielfältigen kleineren Veranstaltungsformaten. ‚Das Interesse der Teilnehmenden an den Themen der Veranstaltungen war deutlich spürbar, auch wenn in einzelnen Veranstaltungen vielleicht wenige Besucher waren,’ ergänzt Rainer Weitzel. Die Teilnehmendenzählung in allen Einzelveranstaltungen hat für Donnerstag 7.100, für Freitag 8.000 und für Samstag 7.000 Teilnehmende ergeben. Damit besuchten in den drei Tagen des Kirchentages 22.100 Teilnehmende die einzelnen Veranstaltungen. Die Zahl der ausgegebenen Karten (Dauerkarten, Tageskarten, Einzelveranstaltungstickets) liegt in Jena und Weimar bei ca. 3.800“.

Für Jena hatte das Projekt Kirchentag gleichwohl einen grandiosen nachhaltigen Nebeneffekt, so dass – bei aller berechtigter Kritik vor allem an der gigantomanischen Planung – das Fazit letztlich positiv ausfallen sollte: Denn es wurde zu einem wichtigen Katalysator für die Durchsetzung der Instandsetzung und Zugänglichmachung der Fragmente des einstigen Karmelitenklosters am Engelplatz/Theatervorplatz. So konnte ein kulturhistorisches Kleinod der Öffentlichkeit übergeben werden, das die Rahmung des gesamten Jenaer Reformationssommers bereicherte. Dieser sollte auch nicht nur am Kirchentag auf dem Weg gemessen werden. Gerade Jena wurde mit zahlreichen diskursiven, neuartigen Veranstaltungsformaten seinem Ruf als Innovations-bzw. Lichtstadt gerecht. Zu nennen sind hier beispielweise Ausstellungen, das Martin Luther Propagandasymposium, das partizipative Projekt „Bewegtes Land“, die multimediale ökumenische Messe in der Stadtkirche, weitere Konzertveranstaltungen, Diskussionsrunden u.v.m.