Von Jürgen Matern - Eigenes Werk (JMatern_071104_8454-8458_WC.jpg), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3064083 - an den Rändern beschnitten. Reichstag, Bundestag

Am Mittwoch sagte mir eine Frau, für sie sei das Wahlkampfgetöse ohnehin nicht wichtig, sie wisse was sie wähle, nämlich die AfD. Gefragt nach ihren Informationsquellen ließ sie erkennen, dass sie deren Wahlprogramm nicht kenne, aber auch das der anderen Parteien nicht. Die Frage, ob sie denn nicht die Sorge teilen könnte, dass sich im Umfeld der AfD Positionen einnisten, die durchaus als menschenfeindlich gesehen werden könnten, beantwortete sie mit ja, aber… Wichtig sei doch, dass die Überfremdung gestoppt werde usw. Die Frage, ob sie denn die Rede des Thüringer Landtagsabgeordneten und Spitzenkandidaten der AfD in Thüringen, Stephan Brandner, am letzten Dienstag in Jena gehört habe, verneinte sie. Öffentlich wolle sie sich nicht als AfD-Sympathisantin zeigen. Mitbürger, die so oder ähnlich denken, sollten die menschenverachtende Rede des Herrn Brandner zumindest zur Kenntnis nehmen, um später nicht sagen zu müssen, „das habe ich doch nicht geahnt“.

Wie anders sind die wirren und verstörenden Äußerungen des Herrn Brandner denn sonst zu verstehen?

Demonstranten beschimpfte er als „hässliche Brut“ und als Ergebnis von „Inzucht und Sodomie“. Er verglich die Gegendemonstranten mit den „SA Dumpfbacken“, die “Juden schikaniert” hätten. Die Grünen, so erklärte er, würden von vielen als „Kokser und Kinderschänder“ gesehen. Sie seien wie die Linke eine “Schande für das deutsche Parlament”. Andere Politiker wurden als „Hetzer- und Hackfresse der Nation“, als “Unterhosenmodel”, als „das Ergebnis von politischer Inzucht im Saarland“ bezeichnet. Den SPD-Kanzlerkandidaten nannte er “Martini Schulz”, die SPD eine “Schand- und Schmuddeltruppe”. Die Kanzlerin gehöre „in den Knast”, die “Führungs-Fuchtel im Kanzleramt” sei eine Schande für das Parlament. Weil ihn der Lärm des Polizeihubschraubers störte, der die Veranstaltung absicherte, kam die Aussage: “Kann man den mal abschießen, den Hubschrauber?”

Sicher gibt es Argumente, die dazu führen können, AfD wählen zu wollen. Unzufriedenheit mit „denen da oben“, Zukunftssorgen, Angst vor Kriminalität und Terror oder Furcht vor einer sich verändernden Gesellschaft. Und sicher – und das ist das wichtigste – gibt es ein freies, geheimes und gleiches Wahlrecht. Das dürften gerade viele ehemalige DDR-Bürger nach wie vor als ein sehr hohes Gut schätzen. Wer Brandners Rede verfolgt hat, für den hat sich aber in erschreckender Deutlichkeit gezeigt, was auf unser Land zukommt, wenn dieser Stil in den Deutschen Bundestag einzieht. Gerade deshalb ist es wichtig darüber nachzudenken, wem man seine Stimme gibt. Ein aus dem Bauch heraus gefühltes „denen muss man es mal zeigen“ oder „mal sehen, was passiert“ sollte nicht ausreichen, um menschenverachtende Positionen wieder salonfähig zu machen.

Rosa Maria Haschke