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Jena. Am 14. Oktober 2016 beauftragte die Landespolizeidirektion die LPI Jena, eine Sonderkommission (SOKO) zur erneuten Untersuchung bislang ungeklärter Tötungsdelikte an Kindern in Thüringen seit 1990 zu errichten.

Drei Fälle, die sich im Zeitraum von 1991 bis 1996 im Raum Jena und Weimar ereigneten, wurden in die Bearbeitung der SOKO „Altfälle“ gegeben.

Dabei handelt es sich um die Tötungsverbrechen an
• Stephanie D. (10 Jahre alt, verschwunden am 24. August 1991, tot aufgefunden am 26. August 1991)
• Bernd B. (9 Jahre alt, verschwunden am 6 Juli 1993, am 18. Juli 1993 an der Saale in Jena tot aufgefunden)
• Ramona K. (10 Jahre alt, am 15. August 1996 verschwunden, am 13. Januar 1997 im Wald bei Eisenach tot aufgefunden)

Nun ist es gelungen, den ältesten Fall aus 1991 zu klären und den Tatverdächtigen zu ermitteln. Am Sonntag (4. März) wurde er in seiner Wohnung in Berlin durch SEK-Kräfte und Beamte der Kriminalpolizei festgenommen. Inzwischen hat er ein Geständnis abgelegt, wurde am Montag dem Haftrichter am
Landgericht Gera vorgeführt und in eine Untersuchungshaftanstalt eingewiesen.


Rückblick:

Stephanie D. hielt sich am 24. August 1991 ab 14.00 Uhr gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Geschwistern sowie ihrer Freundin im Ilmpark Weimar, im Bereich des sogenannten Ochsenauges, auf. Ein unbekannter Mann sprach zunächst Stephanie sowie deren Freundin an. Er bat die beiden Kinder, ihm das Schloss Belvedere zu zeigen und stellte dafür 50 DM in Aussicht. Die Unterhaltung mit den Kindern muss sich über längere Zeit hingezogen haben. Die 10-jährige Stephanie erklärte sich daraufhin bereit,b mit dem Unbekannten mitzugehen. Gegenüber Stephanies Freundin äußerte der Täter, dass er und Stephanie um 16.00 Uhr wieder zurück sein werden.

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Als die Zeit verstrichen war, brachte Stephanies Freundin die beiden kleineren Geschwister nach Hause und erzählte deren Eltern, dass Stephanie mit einem unbekannten Mann mitgegangen sei. Daraufhin nahm der Vater sein Fahrrad und suchte den Park vergebens nach seiner Tochter ab. Die Mutter lief gegen 18.00 Uhr zum nahegelegenen Getränkehandel und verständigte die Polizei über das Verschwinden ihrer Tochter Stephanie.

Am Sonntag, den 25. August 1991, führte die Polizei eine Vielzahl von Suchmaßnahmen durch. Das gesamte Stadtgebiet wurde nach dem verschwundenen Mädchen abgesucht, das Kind jedoch nicht gefunden. Am 26. August 1991 gegen 16.30 Uhr fanden zwei Kinder Stephanies Leiche unterhalb der Teufelstalbrücke. Das Mädchen war dem Anschein nach von der Brücke geworfen worden und an den Folgen des Sturzes aus großer Höhe verstorben.


Zu den Ermittlungen:

Die drei Fälle der SOKO waren die ersten Fälle, die in Thüringen mit einem Fallbearbeitungssystem (FBS) bearbeitet und betrachtet wurden, insofern war die SOKO einer der ersten Nutzer dieser neuen Software. Der Aktenbestand im Fall „Stephanie“ mit 20 Bänden im Umfang war der kleinste aller drei Fälle der SOKO und befand sich außerdem in schwierigem Zustand. Die Seiten waren auf Grund des Alters und der Papierqualität stark verblichen, die Schreibmaschinenschrift war nicht kompatibel mit dem Fallbearbeitungssystem (FBS) und mussten abgeschrieben werden, um sie in das System eingeben zu
können.
Da nicht auszuschließen war, dass es einen Tatzusammenhang (Serientäter) bei allen drei Kindermorden gibt, wurden die drei Fälle parallel sowohl in der Papierakte als auch im FBS betrachtet und ausgewertet. Darüber hinaus fanden umfangreiche Prüfungen im Zusammenhang mit dem NSU-Trio statt (siehe Böhnhardt-Trugspur im Fall Peggy).

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Bei der Betrachtung der drei Fälle fiel eine Personen-Spur im Fall Bernd B. auf, die bei näherer Betrachtung und Kenntnis der anderen Fälle auch im Fall Stephanie Parallelen aufzeigte. Durch die Recherche im FBS wurde deutlich, dass diese Personenspur bislang nicht im Fall Stephanie bekannt war. Daraufhin wurden umfangreiche Recherchen zu der Person geführt und in den Fall zunächst als Personenspur aufgenommen. Neben dieser Personenspur waren weitere 141 offene Personenspuren zu betrachten und eine Priorisierung durchzuführen.

Darüber hinaus wurden folgende weitere Ermittlungshandlungen und Maßnahmen durchgeführt:

– Auswertung dieser Akte durch die Operative Fallanalyse NRW, Erstellung eines Täterprofils
– Rekonstruktion der alten Teufelstalbrücke mit Bauzustand 1991 durch die Hochschule Mittweida im Auftrag der Staatsanwaltschaft Gera
– Einbindung einer externen Fachberaterin zur Mimik- und Verhaltungsforschung
– Zeugenvernehmungen im gesamten Bundesgebiet
– Umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit

Aufgrund der durchgeführten Personenpriorisierung in diesem Verfahren und folglich dem Ausschluss weiterer möglichen Tatverdächtiger ergab sich in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Gera schlussendlich der Tatverdacht gegen den späteren Tatverdächtigen. Die durchgeführte spezifische Auswertung zur Person erhärtete diesen Tatverdacht und führte zur Festnahme am Sonntag.

Zur Person des Tatverdächtigen:

• 65 Jahre alt,
• wohnhaft in Berlin
• geboren in Weimar, mit verwandtschaftlichen Bezügen nach Weimar
• LKW-Fahrer (bis zu seiner Festnahme)
• vorbestraft wegen Sexualdelikten an Kindern.

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