Gewalt gegen Lehrer: „Keine Entwarnung“
Erfurt. Gewalt gegen Lehrer ist nach wie vor auch in Thüringer Schulen ein massives Problem. Dies ergab eine Umfrage, die der tlv thüringer lehrerverband im März 2018 durchführte und deren Ergebnisse am heutigen Vormittag vorgestellt wurden. „Auch anderthalb Jahre nach der aufsehenerregenden forsa-Studie zu diesem Thema gibt es keine Entwarnung“, resümiert der tlv-Landesvorsitzende Rolf Busch.

Teilnehmerzahlen verdreifacht

„Nach der forsa-Studie wurde im November 2016 bundesweit über das Problem schulische Gewalt diskutiert“, so Busch weiter. „Aber schon wenige Monate später ließ das Interesse spürbar nach. Heute hören und lesen wir von den extremen Fällen wie dem Messerangriff eines Grundschülers in Baden-Württemberg. Aber Beleidigungen, Bedrohungen und auch körperliche Angriffe gehören für viele Kolleginnen und Kollegen leider zum Alltag.“

Um sich ein aktuelles Bild zu machen, habe der tlv erneut eine Umfrage unter Thüringens Lehrern durchgeführt – in Anlehnung an eine Befragung, die im Herbst 2016 parallel zur forsa-Studie lief. Beide tlv-Umfragen seien nicht repräsentativ, bildeten jedoch die Realität an Thüringens Schulen ungefiltert ab. „Wir haben um Fallschilderungen gebeten und erschreckende Details erfahren.“ Was sofort auffalle, sei die Zahl der Teilnehmer, die mindestens eine Frage beantwortet haben. Sie habe sich von 100 auf 348 mehr als verdreifacht. Dies, so der tlv-Landesvorsitzende, zeige zwei Dinge auf: „Zum einen brennt den Leuten das Thema auf den Nägeln. Und zum anderen sind heute mehr Kollegen dazu bereit, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Es ist uns 2016 immerhin gelungen, das Thema aus der Tabuzone zu holen.“

Ergebnisse bestätigen forsa-Studie

Die Ergebnisse der Umfrage, erklärt Busch, bestätigen die der forsa-Studie von 2016. „Mehr als ein Drittel der Teilnehmer, nämlich 34 Prozent, gaben an, in den letzten 18 Monaten selbst Opfer von Gewalt geworden zu sein.

Bundesweit waren es 2016 23 Prozent, die psychische Gewalt vermeldeten, sowie 6 Prozent, die Opfer körperlicher Angriffe geworden waren.“ Nahezu deckungsgleich, so Busch weiter, sei der Anteil derer, die schulische Gewalt bei Kollegen miterlebt hätten. „Aktuell liegt der Prozentsatz bei unseren Teilnehmern bei 56 Prozent. 2016 waren es bundesweit 55 Prozent.“
Die Schilderungen der Vorkommnisse hätten sich gegenüber 2016 nicht wesentlich verändert. „Die Gewalt geht von Schülern und Eltern aus, ganz selten auch von Kollegen. Es wird beleidigt, bedroht, auch mit Mord, getreten und geschlagen. Auch Waffen wie Glasflaschen kommen zum Einsatz, in einem Fall ein Haarspray gegen einen Asthmatiker. Es werden Möbelstücke und anderes geworfen, Lehrer werden im Internet diffamiert. Zunehmend berichten die Kollegen auch von Sachbeschädigungen und davon, dass Schüler gegenüber Eltern oder der Schulleitung absichtlich falsche Behauptungen aufstellen.“

Wirksame Hilfe nicht in Sicht

Nach wie vor, so der tlv-Landesvorsitzende, sei keine wirksame Hilfe in Sicht. „2016 solidarisierte sich das Kultusministerium mit den Lehrern. Es folgte ein Infoblatt über den Schulpsychologischen Dienst. Allerding kennen mehr als zwei Drittel der von uns Befragten dieses Faltblatt nicht.“ Zudem hätten mehr als die Hälfte der Befragten den Schulpsychologischen Dienst noch nie in Anspruch genommen. Als Gründe dafür würden schlechte Erreichbarkeit, Kapazitätsprobleme und mangelnde Effizienz genannt. „Abgesehen von Verweisen und Elterngesprächen bleiben den Betroffenen kaum Möglichkeiten“, erklärt Busch. „Beides wird als nicht sehr hilfreich empfunden. Strafanzeigen bleiben die Ausnahme, auch, weil viele der Täter noch gar nicht strafmündig sind.“ Das Ergebnis sei, dass 96 Prozent der Befragten angaben, seit der forsa-Studie 2016 habe sich nichts geändert.

Der tlv fordere deshalb nicht nur die Einrichtung multiprofessioneller Teams, die im Krisenfall schnell intervenieren können. „Auch eine konsequente Dokumentation von Gewaltvorfällen schon bei Grundschülern könnte abschreckend wirken“, so Busch. Darüber hinaus gelte es, die räumlichen Bedingungen zu verbessern, zum Beispiel kleinere Räume und Rückzugsräume für Schüler mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen zu schaffen. Vor allem seien jedoch die Personalprobleme endlich anzugehen. Dazu gehöre auch, in inklusiven sowie integrativen Klassen eine permanente Doppelbesetzung einzuführen, um Überlastungssituationen zu vermeiden.

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