Erfurt. An fast jeder zweiten deutschen Schule (48 Prozent) hat es in den letzten fünf Jahren Fälle von seelischer Gewalt gegen Lehrpersonen gegeben, an mehr als jeder vierten (26 Prozent) auch körperliche Übergriffe. Dies ergab eine repräsentative Umfrage unter Deutschlands Schulleitungen, die das Meinungsforschungsinstitut forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) am heutigen Vormittag der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Für die Erhebung wurden im Januar und Februar dieses Jahres 1200 Schulleiterinnen und Schulleiter befragt.

„48 Prozent – das sind rund 16.000 Schulen in Deutschland, an denen Lehrpersonen beleidigt, bedroht oder gemobbt werden“, veranschaulicht Rolf Busch, Landesvorsitzender des tlv thüringer lehrerverband, welcher als Landesverband zum VBE gehört. „Und an mehr als 8000 Schulen kommt es zu physischer Gewalt.“ Heruntergerechnet auf Thüringen, so Busch weiter, bedeute dies, dass an mehr als 400 allgemeinbildenden Schulen seelische und an mehr als 200 Schulen körperliche Gewalt gegen Lehrpersonen ausgeübt wird. „Hier weiterhin von Einzelfällen zu reden, wäre ein fatales Zeichen für alle Beteiligten.“

Schulleiter bestätigen Angaben der Lehrer

Die aktuelle Studie, so der tlv-Landesvorsitzende, bestätige eindrücklich die Ergebnisse einer Lehrerbefragung vom Herbst 2016. In der ebenfalls vom VBE in Auftrag gegebenen und von forsa durchgeführten Erhebung hatten 21 Prozent der Befragten Fälle von körperlicher Gewalt an ihrer Schule gemeldet, 55 Prozent Fälle von psychischer Gewalt. „Wir haben es also nicht nur mit der Wahrnehmung von Betroffenen oder potenziell Betroffenen zu tun. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse der Schulleitungen deutlich auf, dass sich trotz der erheblichen medialen Aufmerksamkeit nach der ersten Studie die Lage keinesfalls gebessert hat“.

Die aktuelle Erhebung liefere jedoch auch eine Bestätigung dafür, dass vor allem an den Grundschulen körperliche Übergriffe immer mehr an der Tagesordnung seien, erklärt Busch. „Ein Drittel der Grundschulen vermeldet physische Gewalt. Das ist das exakt doppelt so viel wie an allen den weiterführenden Schulen zusammen.“ Aber auch im Bereich der psychischen Gewalt liege der Anteil der Grundschulen mit 46 Prozent deutlich höher als an den Gymnasien (33 Prozent). „Man muss kein ausgesprochener Pessimist sein, um zu erkennen, dass hier ein handfestes Problem auf die Gesellschaft zukommt.“

Selbst die Schulbehörden kooperieren nicht immer

Mehr als jede zehnte Schulleitung (13 Prozent) gab an, betroffene Kolleginnen und Kollegen in Fällen von Gewalt nicht ausreichend unterstützen zu können. Die Gründe hierfür liegen bei nicht kooperierenden Schülern (63 Prozent) und Eltern (59 Prozent). Bei immerhin einem Drittel ist die Ursache, dass das Schulministerium sich des Themas nicht ausreichend angenommen habe. Bei 11 Prozent der Befragten war die Meldung von Gewaltvorfällen von den Schulbehörden nicht gewünscht. „Das kann und darf einfach nicht sein“, kritisiert Busch. „Wenn nicht von den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung endlich klare Zeichen gesetzt werden, bleibt es ein Kampf gegen Windmühlen.“

Das Thüringer Kultusministerium habe bei einer gleichzeitig vom VBE initiierten Befragung aller Bildungsministerien zum Umgang mit schulischer Gewalt nur mittelmäßig abschnitten. In Thüringen würden immerhin die sogenannten besonderen Vorkommnisse erfasst und auf parlamentarische oder Medienanfragen hin öffentlich gemacht. „Hier passiert mehr als in Bayern, wo keinerlei Statistik zu den Vorfällen von Gewalt gegen Lehrkräfte geführt wird. Aber da ist noch Luft nach oben.“ In Berlin zum Beispiel, so Busch, sei man deutlich weiter: Dort würden im Rahmen von halbjährlichen schriftlichen Anfragen die Zahlen veröffentlicht, wobei neben tätlichen auch Angriffe verbaler Natur erfasst würden. Außerdem seien dort neben Polizei und Schulbehörden auch Schulpsychologen in das Meldeverfahren involviert. „Die vom tlv gebetsmühlenartig geforderten multiprofessionellen Teams spielen also sogar bei der Erfassung von Gewaltvorfällen eine entscheidende Rolle.“