Seit über 10 Jahren existiert Jenapolis als publizistische Plattform für die Stadt Jena und darüber hinaus. In den letzten Monaten, ja sogar in den letzten Jahren konnten wir in Jena mit unserer Arbeit auch einige notwendigen Debatten anschieben und sogar thematisch für Jena begleiten. Dabei hatten wir immer drei Elemente im Focus:

1. Das Publizieren von offiziellen Pressemeldungen, welche jedoch immer auch über den Autor ausgezeichnet wurden, um für die Leser völlige Transparenz herzustellen. Dabei steht der Autor selber für die Glaubwürdigkeit seiner Nachricht.
2. Das Veröffentlichen von offiziellen Beschlüssen im Stadtrat und die Begleitung mit redaktionellen Beiträgen aktueller Themen.
3. Die Meinungsbeiträge als Gedankensplitter quer durch alle Themengebiete von lokaler und direkter Demokratie.

Ziel aller dieser Elemente war es immer, dem Bürger weitestgehend viele Informationen anzubieten, um sich rundum informieren zu können. Zwar gab es auch weitere Versuche, eine partizipative Verbindung zwischen Bürger, Politik und Verwaltung herzustellen, wie zum Beispiel Petitionen zum Eichplatz oder auch zum Schwimmhallenneubau. Jedoch mussten wir feststellen, dass nur sehr wenige Bürger sich für unser Grundprinzip interessierten. Allein die lokale Thematik der Nachrichten brachte auch die emotionale Verbindung zum Leser. Eigentlich was ziemlich Normales. So funktionieren eben lokale Zeitungen und das bis heute.

In den letzten Jahren kam es im Internet jedoch zu einer Eruption und Monopolisierung weniger Angebote, die dabei keiner inhaltlichen Struktur folgten, sondern einfach nur das Konzept einer „Waschmaschine“ zum Geschäftsmodell entwickelten. Gerade Facebook machte die Menschen immer abhängiger von seinen Plattformen. Für uns war dies nicht einfach damit umzugehen, immerhin änderte auch Facebook im Wochentakt seine Strategie, aber vor allem seinen Umgang mit Informationen. Niemand wurde diesem globalen Modell bisher Herr. Ob die aktuellen Gesetze daran wirklich etwas ändern werden, bleibt abzuwarten. Gerade in Facebook nahmen die Menschen nur Nachrichten war, die sie eben gerade ausgeliefert bekamen. Immer weniger Menschen kamen direkt auf unsere Plattform. Facebook war eben viel spannender, aber letztendlich nur ein Spielplatz und auch in erschreckender Erkenntnis, dass sich Menschen nicht mehr für die wichtigen Nachrichten interessierten, sondern letztendlich nur noch für sich selber. Aber auch die gezielte Weiterverbreitung von Falschnachrichten auf Facebook mußte ich an meiner eigenen Person, während meiner OB Kandidatur, erfahren. Und ich konnte nichts dagegen unternehmen.

Selbstdarstellung wurde zum Schlüssel der medialen Wahrnehmung. Es wurde wirklich alles durcheinandergewürfelt, lokale Themen waren nicht mehr kommunizierbar. Es war auch für uns kein Spaß mehr, in der Sache zu erkennen, sondern nur noch ein Kampf gegen dumme Menschen, die zu jedem eine Meinung hatten. In dieser Erwachung nahm ich allen Mut zusammen und kandidierte als Oberbürgermeister der Stadt Jena, genau aus diesem Grunde, auch einmal die andere Seite kennenzulernen, also die Seite der ach so bösen Politik. Das Ergebnis war vernichtend. Die Mehrheit der Bürger hatte davon überhaupt nichts mitbekommen, aber menschlich war dies eine völlig neue Erkenntnis für mich. Dass sich die Welt seit Facebook verändert hat, bestreitet heute niemand mehr. Wohl dem, der sich bis heute nicht damit beschäftigt hat. Natürlich haben auch wir verschiedene Kanäle in Facebook aufgebaut. Facebook ist seitdem für mich nur noch eine „Reichweitenschleuder“ ohne qualitativen Output. Deshalb werden wir zwar auch weiterhin die Nachrichten dort ausliefern, aber keine Debatten und Diskussionen mehr führen. Facebook hat mit Meinungs- und Demokratiefreiheit so viel zu tun, wie mein Kühlschrank in der Küche. Vielleicht sind aber die Menschen noch nicht soweit, die Vielfalt dieser Neuen Medien sinnbringend einzusetzen. Aber in der Schule brauchte es auch immer nur einen und schon war die Schulstunde dahin. Aber zurück zum Thema wie es weitergeht.

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Einige wissen es, ich bin zur Oberbürgermeisterwahl angetreten, weil ich ganz fest der Meinung war, dass die Zeit für Albrecht Schröter jetzt unbedingt zu Ende sein musste. Man pfiff es von allen Dächern in Jena, nur der Spatz selber wollte es nicht hören. Dabei ging es mir nicht um die Person, sondern um die fehlende Gesetzeslücke, dass ein Oberbürgermeister so oft wiedergewählt werden kann. Und seine Zeit war meiner Meinung nach nun wirklich vorbei. Was soll man da anderes tun, als aktiv zu werden und auch zu kandidieren. Dass es dann so persönlich wurde, hätte ich mir nicht im schlimmsten Albtraum ausmalen können. Angriffe aus vielen Ecken, natürlich auch aus der Verwaltung heraus, aber auch die Zeitung stimmte in den Chor mit ein. Endlich hatte sie ein Thema, was die Leute interessierte und zwar mich! Ich stand für pure Unsicherheit. Man wollte zwar scheinbar einen neuen Oberbürgermeister, aber bitte ansonsten keine Änderung. Bekommen haben sie jetzt erst mal Thomas Nitzsche. Wir werden sehen!

Der Wahlkampf liegt nun jedoch hinter uns und wir blicken wieder nach vorn. Sicherlich werde ich in persönlichen Gedankensplittern auch weiterhin ab und zu einen Abstecher in diese doch so andere Welt machen. Geändert hat sich für mich vor allem, in Zukunft auch mehr beide Seiten der Medaille zu betrachten. Ich bin zwar auch weiterhin der Meinung, dass wir viel stärker an direkter Demokratie arbeiten müssen, weiß es aber auch nun besser einzuschätzen, welche „bösen Bürger“ es auch gibt, sobald jemand sich politisch bekennt. Unser Problem sitzt also im Moment viel tiefer. Deshalb sollten alle daran arbeiten, wieder mehr Gemeinsamkeiten zu finden, als sich immer weiter voneinander zu entfernen. Und dazu gehören die Medien. Dass Analysen und Gedanken für Jena nicht mehr ausreichen werden, steht dabei auch fest. Wir müssen endlich die gesamte Region denken, nicht nur Jena! Wir dürfen eigentlich anderes gar nicht debattieren, der Blick über die Berge wird existenziell für Jena. Dass dabei viele Fragen gar nicht mehr diskutiert werden, wie zum Beispiel wie wir eigentlich in Jena leben wollen, sondern wir alle nur noch digital Geriebene sind, muss dabei ebenso zum Thema gemacht werden wie das Verhältnis von Strukturen und Macht in Jena achtundzwanzig Jahre nach der Wende. Dabei möchte ich mit Jenapolis auch weiterhin helfen, Nachdenken und Wissen besser zu verzahnen und auch wenn es wehtut, zur Debatte zu stellen.

Wir müssen einen gemeinsamen Weg für unsere Region finden, der politisch sein muss, aber auch alte und überlebte Strukturen hinterfragt und auch änderbar macht. Ohne eine breite Öffentlichkeit wird dies nicht stattfinden können. Erfinden wir uns also schon wieder neu, denn anders wird es nicht gehen, wenn wir auch weiterhin ein unabhängiges und freiheitliches Leben führen wollen. Dabei vor allem im Focus stehen sollten unsere Würde und Achtung aller Menschen gegenüber.