Erfurt. Anlässlich des Tags der Deutschen Einheit hat Thüringens Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee die Ostdeutschen zur Gelassenheit aufgerufen. „Lassen wir uns doch nicht ständig einreden, dass in den letzten 28 Jahren im Osten alles schiefgelaufen ist“, sagte Tiefensee, der sich derzeit mit einer Delegation aus Unternehmern und Hochschulvertretern in Argentinien aufhält. „Im Gegenteil, wir sollten ganz klar sagen: Der Aufbau Ost ist trotz der Herausforderungen, die noch vor uns liegen, eine Erfolgsgeschichte. Bei allen Problemen, die es unbestritten gibt, haben wir jeden Grund, stolz auf die Leistungen der vergangenen 28 Jahren zu sein.“

Nach seiner Wahrnehmung sei die anhaltende Ost-West-Diskussion eine „zu einseitige Debatte“. „Hier ist einmal der Blick vom Ausland aus ganz hilfreich“, so der Minister. „Denn angesichts der Situation in vielen Teilen der Welt erscheinen unsere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme zum einen als überschaubar. Zum anderen stellt man schnell fest, dass die Trennung in Ost- und Westdeutschland für die Menschen in anderen Ländern praktisch keine Rolle spielt. Für unsere Freunde in Brasilien, Argentinien oder Uruguay beispielsweise sind wir ‚die Deutschen‘. Und was für sie zählt ist, was wir tun und können – und nicht, aus welchem Teil unseres Heimatlandes wir kommen. Sie können gar nicht verstehen, welche Debatten wir zu Hause führen.“

Und das umso weniger, als sich durchaus sehen lassen könne, was Thüringen und die anderen ostdeutschen Länder gerade auch auf wirtschaftlichem Gebiet inzwischen erreicht haben, so der Minister weiter. „Ostdeutschland erwirtschaftet ein höheres Bruttoinlandsprodukt als Österreich. Die drei mitteldeutschen Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegen mit ihrer Wirtschaftsleistung – insgesamt rund 240 Milliarden Euro – im Vergleich mit dem Ranking der europäischen Staaten insgesamt auf Rang 12 noch vor Finnland, Irland und anderen westeuropäischen Ländern mit ebenfalls langer Industrietradition.“ Selbst der südamerikanische „Musterstaat“ Uruguay erwirtschafte ein geringeres Bruttoinlandsprodukt als Thüringen.

„Ich plädiere deshalb sehr für eine differenzierte Betrachtung“, sagte Tiefensee weiter. So habe Thüringen seit 1991 mit rund 260 Prozent den höchsten Zuwachs bei der Wirtschaftsleistung unter allen Bundesländern erzielt, liege bei der Zahl der Industriebetriebe und Industriearbeitsplätze mit anderen an der Spitze und habe eine niedrigere Arbeitslosigkeit als alle ostdeutschen und mehrere westdeutsche Bundesländer. Natürlich gebe es in vielen anderen Punkten noch enormen Nachholbedarf – etwa bei den Forschungskapazitäten oder bei den Löhnen. „Dennoch: Hätte uns vor zehn, 15 Jahren jemand vorhergesagt, dass wir in absehbarer Zeit fast Vollbeschäftigung haben und händeringend nach Fachkräften suchen, dann wäre der doch allgemein für verrückt erklärt worden“, sagte Tiefensee.

Inzwischen sei diese Entwicklung Realität. „Ich finde deshalb, das Gerede vom gescheiterten Aufbau Ost sollte beendet werden. Verwenden wir besser alle Kräfte darauf, die vor uns liegenden Aufgaben zu lösen.“ Ost- und Westdeutschland seien längst auf Augenhöhe. „Deshalb sollten wir uns nicht kleiner machen und kleiner machen lassen als wir sind“, sagte Tiefensee.

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