Internet- und Plakatkampagne in Gera: Intensive Bürgerbeteiligung zur Identitätssuche

Mit einer Internet- und Plakatkampagne startet die Stadtverwaltung Gera eine Diskussion über die Identität der Stadt. Der Oberbürgermeister persönlich verteilte gemeinsam mit seinem Team in einer Nacht- und Nebelaktion die Plakate in der Stadt, die auf die Internetseite

fettgusche.gera.de

aufmerksam machen sollen. „Gerade zum Beginn des Höhlerfestes stellt sich wieder die Frage nach der Geraer Identität. Das Höhlerfest hat Tradition. Tradition, verbunden mit Thüringer Spezialitäten und einem Bier. Dazu ein bisschen Mittelalter und Volksfestcharakter. Hier mal anstehen, dort mal grüßen und quatschen – ist ja schon ein Stück her, dass man sich zuletzt gesehen hat. Es fühlt sich so heimisch an, so vertraut, ebenso wie zu Hause“, erklärt Oberbürgermeister Julian Vonarb.

Die Ergebnisse eines Studentenwettbewerbs aus dem vergangenen Jahr sowie einer darauf folgenden Umfrage seien der Ansatz für die Frage nach dem Image der Stadt. Vonarb habe nicht das Gefühl, in der “Otto-Dix-Stadt” zu sein, wo Intellektuelle zum Rotwein aus dem Ahrtal über die Auswirkungen der neuen Sachlichkeit in der heutigen digitalisierten Welt diskutieren. Die Stadt sei auch keine Hochburg der Fitnessbewegung und des gesunden, veganen Lebenswandels. „Unser Reussisches Schloss ist leider nur noch ein Kleinod, das im Krieg größtenteils vernichtet wurde“, so Vonarb.

Natürlich habe Gera hervorragende internationale Sportler, tolle imposante Häuser, exzellente Weinhändler mit liebevollen Läden, kleine Manufakturen und eine Künstlerszene, die sich stark macht für die Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt 2025. „Der Punkt ist aber, dass wir zwar von allem etwas, aber von “nüscht” genug haben, um es als das Vermarktungshighlight schlechthin zu nutzen.“, meint Vonarb. „Und genau an der Stelle bin ich wieder auf unserem traditionellen Höhlerfest und der Kreis schließt sich. Hier findet man genau das, was Gera ausmacht: Menschen mit Ecken und Kanten, die sagen, was sie auf dem Herzen haben. Manchmal mürrisch, aber in der Regel offen, ehrlich, und beschaulich. Vertraut ist es eben hier – wie zu Hause.“ “Echt, frech und zu Hause” steht auf den Postern. Gera zeichne dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit aus, die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. „Das spiegelt sich in der überdurchschnittlich hohen Beteiligung am Ehrenamt und im Vereinsleben wider.“ Oberbürgermeister Vonarb hofft: „Die “Fettgusche” als (Kern-)Identität – auffallen werden wir damit, genau wie die „Puffbohne“, die “Fischköppe”, die “Maultaschen” oder auch “Frühaufsteher”.“ Auch er sei eine “Fettgusche”, weil er sich in Gera mit seiner Familie zu Hause fühle. Der Begriff sei keine Beleidigung, eher ein Prädikat. „Wir haben mehr zu bieten, als wir selber denken!“

Hintergrund:

Der Begriff der “Fettgusche” kommt aus dem Mittelalter. Er wurde den Geraern von den umliegenden Bauern gegeben. In Gera ging es den Menschen damals so gut, dass sie sich oft teure und fettige Speisen gönnten, die direkt mit der Hand verspeist wurden. Zurück blieb dann die fettige Gusche.

Die Plakatkampagne läuft drei Wochen. Es wurden 45 Plakate und 8 große Banner aufgehängt (Hortenkaufhaus, Humboldtstr. 10, Elsterforum, KuK, Gera-Arcaden, Blue Note, Banner: Campus Baustelle, Ecke Clara-Zetkin-Str., Parkhaus Stadtzentrum). Finanziert wurde die Aktion durch privates Sponsoring. Im Anschluss wird es eine Pressekonferenz zu den Ergebnissen der Befragung geben. Knapp fünf Stunden nach Freischaltung der Homepage hatten bereits über 200 Geraer ihre Meinung auf der Internetseite mitgeteilt. Auch unter dem Facebook-Auftritt von Julian Vonarb wird heiß diskutiert über die Aktion. Die Aktion zielt vor allem auf die Identitätsfindung innerhalb der Stadt. Es ist nicht beabsichtigt, die Fettgusche später zur Unternehmensakquise oder auf offiziellen Bescheiden der Stadt zu präsentieren.
Der „Prozess von unten“ kann jetzt beim Höhlerfest intensiv gelebt werden.

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