Michéle Scholl und Lucas Schöler präsentieren ihr selbstgeschmiedetes Schwert. Michéle Scholl wird damit vom 10. bis 14. März am internationalen Wettbewerb TMS Bladesmith Competition in San Antonio (Texas) teilnehmen. ©Jan-Peter Kasper

Studierende der Universität Jena treten vom 10. bis zum 14. März mit einem selbst geschmiedeten Schwert beim internationalen Wettbewerb „TMS Bladesmithing Competition“ in den USA an

Jena. In der nordischen Mythologie fliegt der Rabe Hugin um die ganze Welt und flüstert Göttervater Odin die neuesten Nachrichten ins Ohr. Hugin, so heißt auch das Schwert, das Studierende der Materialwissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena geschmiedet haben. Wie sein mythischer Namensgeber wird auch das Schwert auf Weltreise geschickt: Das Team um Bachelor-Studentin Michéle Scholl tritt mit ihm vom 10. bis 14. März auf dem zweijährlichen Schmiede-Wettbewerb „TMS Bladesmithing Competition“ an, der in San Antonio im US-Bundesstaat Texas ausgetragen wird. Dort wetteifern die Jenaer Studierenden mit der internationalen Konkurrenz um den Preis für die am kunstvollsten gefertigte Klinge.

Im Studium Gelerntes kreativ anwenden

„Wir sind stolz, dass wir mit unserem Schwert an dem Wettbewerb teilnehmen können“, sagt Michéle Scholl, die stellvertretend für das gesamte Team nach Texas reist. Gemeinsam mit Master-Student Maximilian Keller hat sie das Schmiedeprojekt im Wintersemester 2017/18 (genauer November 2017) ins Leben gerufen. „Mit der Aktion wollen wir zeigen, dass ein Studium der Materialwissenschaft Raum für kreative Ideen bietet und das Gelernte praktisch anwendbar ist“, so Scholl. Von Beginn an stieß der Einfall sowohl bei Studierenden als auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Otto-Schott-Instituts für Materialforschung auf Begeisterung. In eigens angesetzten Vorlesungen und Workshops eigneten sich die Teilnehmenden Wissen über Schwerter und das Schmiedehandwerk an. Besonders die Mitarbeiter der Werkstatt des Instituts standen mit viel Einfallsreichtum und immer einem guten Rat und helfender Hand zur Seite. Parallel dazu suchten sie nach Sponsoren für Materialien und skizzierten Entwürfe für das spätere Design der Klinge.

Nach den umfangreichen theoretischen Vorbereitungen war es im Mai 2018 endlich soweit: Michéle Scholl verbrachte zusammen mit fünf weiteren Teilnehmenden ein Wochenende in der traditionellen Schmiede im thüringischen Mellenbach. An beiden Tagen bearbeiteten sie von früh bis spät glühendes Metall, um Hugin und ein Zwillingsschwert für die Prüfung des Materials herzustellen. „Wir wollten keine automatische Schmiede verwenden, wie es heute oft üblich ist, sondern selbst die Hämmer schwingen“, erklärt Scholl. Die weiteren Arbeitsschritte führte das Team ebenfalls manuell aus: das Abschleifen des Zunders, den das Schmiedefeuer auf dem Stahl hinterlässt und das sogenannte Normalisieren, bei dem die Spannung im Metall durch langsames Erhitzen und Abkühlen desselben gelöst wird.

Zerstörende und zerstörungsfreie Prüfverfahren

Das Ergebnis dieser Mühen kann sich sehen lassen: Das ca. 75 cm lange und knapp 3 kg schwere Schwert Hugin wirkt wie aus einem Guss. Mit dem bloßen Auge finden sich auf dem glatten, silbernen Stahl kaum Makel. Diesen Eindruck bestätigen Tests, die die Jenaer Studierenden an der Klinge vorgenommen haben. Sie setzten das Schwert Röntgenstrahlen, Ultraschall und Wechselstrom aus. Diese Methoden können selbst Haarrisse oder kleinste Einschlüsse im Material feststellen. Zusätzlich wurde das Zwillingsschwert verschiedenen zerstörenden Prüfverfahren unterzogen. Dabei wird beispielsweise die Klinge so stark gebogen oder gestreckt, dass sie zerbricht. „Diese materialwissenschaftlichen Verfahren sind entscheidend, um die Qualität des Schwertes zu kontrollieren“, erläutert Michéle Scholl. „Zugleich sind sie wichtiger Bestandteil des technischen Berichtes, den wir für die Teilnahme am Schmiede-Wettbewerb einreichen mussten.“

Welche Chancen sich Scholl für die Konkurrenz in Texas ausrechnet? „Die amerikanischen Universitäten haben den großen Vorteil, dass viele ihrer Studiengänge ganz auf die Metallverarbeitung zugeschnitten sind,“ urteilt die 22-Jährige. „So können sie im Gegensatz zu uns den Stahl für große Schwerter selbst herstellen.“ Scholl hofft allerdings, dass das Schwert aus Jena mit den aufwendigen und gut dokumentierten Prüfverfahren punkten kann. Weil am Ende vielleicht nicht nur die inneren Werte entscheiden, wird Hugin vor dem Wettbewerb noch der letzte Schliff verpasst: Der Griff des Schwertes erhält einen Knauf aus Bronze; in Anlehnung an Odins schlauen Begleiter – natürlich in Form eines Rabenkopfes.

Nach seiner Rückkehr wird das Schwert in einer Vitrine im Eingangsbereich des Otto-Schott-Instituts für Materialforschung am Löbdergraben ausgestellt. Außerdem werden es die Studierenden während des diesjährigen Hochschulinformationstages am 25. Mai den Besucherinnen und Besuchern präsentieren.

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