„Postwachstum“ steht für eine Vision einer anderen Gesellschaft angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel oder Ungleichheit. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU
„Postwachstum“ steht für eine Vision einer anderen Gesellschaft angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel oder Ungleichheit. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

Postwachstum lässt sich als Versuch verstehen, unterschiedliche Stränge der Wachstums- und Gesellschaftskritik zusammenzudenken und nach Alternativen zu suchen. Eine umfassende Einführung zum Thema legen nun Sozialwissenschaftler Matthias Schmelzer und Kulturwissenschaftlerin Andrea Vetter vom Kolleg Postwachstumsgesellschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena vor.

Trotz aller Errungenschaften steht die Menschheit vor Herausforderungen, die nur durch fundamentale Veränderungen bewältigt werden können. So müssen etwa die CO2-Emissionen rapide sinken, um dem vom Menschen gemachten Klimawandel entgegenzuwirken. Ungleichverteilungen weltweit müssen bekämpft werden, um Wohlstand zu erhalten und soziale Spaltung zu verhindern. Die Arbeitswelt hat sich nicht zuletzt durch Automatisierung und Digitalisierung in den vergangenen Jahrzehnten enorm verändert und verlangt eine Neuausrichtung. Um diese Probleme zu lösen, suchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Jahren nach Ideen, die das Wirtschaftswachstum als Triebfeder für das Fortkommen der Menschheit ablösen können – so auch am Kolleg Postwachstumsgesellschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Doch wie kann eine solche Welt jenseits von Expansions- und Steigerungsdynamiken aussehen? Antworten hierauf liefert der Jenaer Sozialwissenschaftler Matthias Schmelzer, der gemeinsam mit seiner Kollegin, der Kulturwissenschaftlerin Andrea Vetter, nun eine umfassende und sehr zugängliche Einführung in das Thema Postwachstum in Buchform vorlegt.

„Degrowth/Postwachstum zur Einführung“ heißt das Werk, das in der renommierten Einführungsreihe des Junius-Verlages erschienen ist. Die Notwendigkeit für ein solches Buch liefern die Autoren gleich in der Einleitung: So seien laut einer repräsentativen Umfrage 78 Prozent der Deutschen überzeugt davon, dass Wachstum natürliche Grenzen habe, die die industrialisierte Welt bereits erreicht oder überschritten habe. Visionen, wie man auch ohne Wachstum gut leben könne, seien also dringend erforderlich. Und genau solche Vorstellungen sollen unter dem Begriff Postwachstum zusammengefasst werden, der viel mehr sein soll als bloße Beschreibung der aktuellen wirtschaftlichen Situation in den Industrienationen.

Kritikpunkte bündeln, Lösungen herausfiltern

„Postwachstum lässt sich verstehen als der Versuch, unterschiedliche Stränge der Wachstums- und Gesellschaftskritik zusammenzudenken und nach Alternativen zu suchen, die sich hieraus ergeben“, so die Autoren Schmelzer und Vetter. Insgesamt sieben Formen der Wachstumskritik stellen sie dabei heraus, so etwa im ökologischen, sozial-ökonomischen sowie im kulturellen Bereich. Auch feministische Stimmen kommen dabei zu Wort. Die Forschenden stellen jeden dieser Kritikstränge in einem eigenen Kapitel vor, umreißen seine historische Entwicklung und diskutieren die zentralen Argumente.

All diese Kritikpunkte helfen schließlich dabei, Visionen zu entwickeln, wie eine Postwachstumsgesellschaft tatsächlich aussehen kann. „Im Kern geht es bei den Postwachstumsvorschlägen darum, die dominante ökonomische Logik und das ökonomische Kalkül – also die Frage, ob es sich in Geld rechnet – als in vielen Kontexten alleinige Entscheidungsgrundlage zurückzudrängen“, schreiben Schmelzer und Vetter. Ziel sei darüber hinaus eine Repolitisierung und Demokratisierung von gesellschaftlichen Institutionen. Globale ökologische Gerechtigkeit, ein gutes Leben für alle und Wachstumsunabhängigkeit seien die Ziele, deren Erreichen im Fokus einer Postwachstumsgesellschaft stehen müsse. Das Buch diskutiert, welche konkreten politischen Maßnahmen Einstiegsprojekte darstellen können – so geht es um ein Maximaleinkommen, eine radikale Arbeitszeitverkürzung oder ein Grundeinkommen für alle. Und auch wenn die grundlegenden Gesellschaftsveränderungen hin zu solch einer Postwachstumsgesellschaft große Herausforderungen darstellen, diskutieren Schmelzer und Vetter mögliche Transformationswege.

Bücher wie dieses können durchaus den Aufbruch in eine nachhaltigere Welt markieren.

Originalpublikation:
Matthias Schmelzer, Andrea Vetter: „Degrowth/Postwachstum zur Einführung“, Junius Verlag, Hamburg 2019, 256 Seiten, 15,90 Euro, ISBN 978-3-96060-307-8